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27.11.1997 Ist MS Folge aktiver Herpes-Viren?

Bethesda (mal). In der Diskussion um eine Infektion mit humanen Herpes-Viren 6 (HHV-6) als Ursache von Multipler Sklerose (MS) gibt es jetzt neue Daten, die diese These unterstützen. Daß etwa das Virus im ZNS-Gewebe MS-Kranker nachweisbar ist, wurde erst kürzlich - wie berichtet - beim Kongreß "Antimicrobial Agents and Chemotherapy" in Toronto bestätigt.

Wissenschaftler am National Institute of Neurological Disorders and Stroke in Bethesda im US-Staat Maryland haben jetzt bei 22 Patienen mit schubförmig verlaufender MS festgestellt, daß 73 Prozent von ihnen eine verstärkte Immunantwort auf ein HHV-6-Antigen hatten. Dies war nur bei 18 Prozent der 66 Kontrollpersonen der Fall. In einer anderen Studie sei HHV-6-DNA bei 15 von 50 MS-Kranken im Serum gefunden worden, aber bei keinem von 47 Kontrollpersonen.

Die Studie wird in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift "Nature Medicine" publiziert.

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27.11.1997 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


05.11.1997 MS-Kranke profitieren von Dauertherapie mit IFN

Istanbul (frk). Patienten mit einer schubförmigen-remittierenden Multiplen Sklerose (MS) profitieren von einer Dauerbehandlung mit Interferon-beta-1a. Sowohl die Zahl der Schübe, die körperlichen Einschränkungen, die kernspintomographisch sichtbaren Schäden als auch die Krankheitsaktivität können dadurch verringert werden.

Das ist aus der weltweit bisher größten doppelblinden multizentrischen Placebo-kontrollierten Studie PRISMS (Prevention of Relapses and Disability by Interferon beta1a) mit 560 MS-Patienten, die Interferon-beta-1a (Rebif®) erhielten, hervorgegangen. Professor Lance D. Blumhardt vom Queen's Medical Center in Nottingham in Großbritannien hat die PRISMS-Studie auf einem Satellitensymposium des Unternehmens Ares-Serono beim 13. Treffen des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS 97) in Istanbul vorgestellt. In die Studie aufgenommen wurden Patienten, die zwei Schübe innerhalb von zwei Jahren gehabt hatten, bei denen aber nur geringe Einschränkungen in der Bewegungsfähigkeit vorhanden waren. Sie erhielten entweder sechs Millionen Einheiten Interferonbeta-1a, zwölf Millionen Einheiten oder Placebo, und zwar eine subkutane Injektion dreimal pro Woche.

Die Reduktion der Schubrate betrug 37 Prozent nach einem Jahr und 32 Prozent nach zwei Jahren in der Gruppe mit zwölf Millionen Einheiten Interferon-beta-1a. Mit der Dosis von sechs Millionen Einheiten war die Schubrate nach einem Jahr um 33 Prozent verringert und nach zwei Jahren um 29 Prozent verglichen mit der Placebogruppe. Auch der Anteil der schubfreien Patienten war in der Verumgruppe erhöht, ebenfalls die Zeitspanne bis zum ersten oder zweiten Schub verlängert und die Anzahl der leichten und schweren Schübe vermindert. Mißt man den Grad der Behinderung in EDSS-Score als akkumuliertes Maß über den gesamten Zeitraum, so war die körperliche Einschränkung der Patienten in der Verumgruppe um 83 Prozent verringert im Vergleich zur Placebogruppe.

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05.11.1997 Depression bei MS beeinflußt nicht körperliche Defizite

Istanbul (frk). Zwischen 40 und 50 Prozent der Patienten, die an schubförmig verlaufender Multipler Sklerose erkrankt sind, erleben sich häufig als depressiv. Es läßt sich aber kein gesicherter Zusammenhang zwischen Veschlechterung der neurologischen Symptomatik und Zunahme der Depressivität finden. Das geht zumindest aus einer Untersuchung von Professor Gina Bell aus Vancouver von der Multiple Sclerosis Clinical Research Group hervor.

Leichte und mittelschwere Depressionen sind nach den Untersuchungen der kanadischen Wissenschaftlerin die häufigsten psychischen Beschwerden von MS-Kranken. Wurde bei diesen Patienten der EDSS-Score (Expanded Disability Status Scale, auch "Kurtzke-Skala"), der im wesentlichen motorische Einschränkungen erfaßt, mit den Befunden aus der Beck's-Skala zur Bewertung der depressiven Symptomatik verglichen, sei keine parallele Verschlechterung beobachtet worden, so Bell auf einem Neurologie-Kongreß in Istanbul.

Als depressive Symptome bewertet wurden in der Studie zum Beispiel Appetitverlust, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Antriebsarmut, Probleme bei der Entscheidungfindung, Verwirrtheit, mehr Weinen als gewöhnlich, sexuelle Dysfunktion und fehlende Freude an Aktivitäten.

Danach hatten in einer Gruppe von 65 MS-Kranken drei Patienten (4,6 Prozent) eine schwere Depression. Von den Patienten hatten 34 eine schubförmig verlaufende MS und 31 eine sekundär progrediente MS mit - zu diesem Zeitpunkt - EDSS-Werten zwischen Null und sieben. Im weiteren Krankheitsverlauf entwickelte zumindest im Beobachtungszeitraum kein zusätzlicher Patient eine schwere Depression.

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30.10.1997 Neue Therapieansätze bei MS werden erforscht

Hannover (grue). Die Multiple Sklerose gilt als eine durch T-Lymphozyten vermittelte Autoimmunkrankheit. Doch auch B-Lymphozyten sind nach neuen Forschungsergebnisse anscheinend an der Pathogenese beteiligt. Sie fördern vermutlich über die Bildung von Autoantikörpern die Entmarkung der Myelinscheiden.

Die MS-typische Demyelinisierung der Nervenscheide wird auf mindestens zweierlei Weise verursacht, wie Professor Christopher Linington vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München berichtet hat. So wurde bei Mäusen eine immunvermittelte Entmarkung nachgewiesen, die anscheinend eine direkte Folge einer durch T-Helferzellen vom Subtyp 1 (TH1) vermittelten Entzündung im zentralen Nervensystem ist. Dabei werden durch die lokale Entzündung Zytokine und freie Radikale ausgeschüttet, die den Untergang der Oligodendrozyten bewirken. Anders ist es bei Ratten und Primaten, wie Forscher seit kurzem wissen: Hier können die T-Zellen allein keine ausgedehnte Demyelinisierung hervorrufen, sondern erst B-Zell-vermittelte myelinspezifische Autoantikörperreaktionen führen zu den dauerhaft entmarkten Plaques.

Als Modell-Autoantigen für weitere Studien wird derzeit ein kleines Transmembran-Glykoprotein (MOG) benutzt. Es ist das einzige Myelinprotein des ZNS, das bei Versuchstieren eine der MS vergleichbare Enzephalomyelitis hervorruft. So können MOG-spezifische Antikörper bei Ratten erst dann in das Gehirn eindringen, wenn die BlutHirn-Schranke gestört ist. Dazu reiche eine minimale entzündungsbedingte Schädigung aus, an der wiederum T-Lymphozyten beteiligt seien, so Linington. Die pathogenen Immunmechanismen über B- und T-Zellen wirkten offenbar synergistisch und unterhielten sich gegenseitig.

Diese pathogenetischen Prinzipien stehen nun im Mittelpunkt der Forschung, sagte Linington bei einem MS-Symposium der Deutschen Gesellschaft für Multiple Sklerose in Hannover. Denn daraus ließen sich vielleicht therapeutische Ansätze ableiten. So könnten bei einer gezielten Blockade der TH1-Zellen, ohne gleichzeitig die gegenregulatorischen TH2-Zellen anzuregen, möglicherweise schwere Krankheitsausbrüche verhindert werden. Wird nämlich die Bildung von TH2-Zellen angeregt, kann es dadurch bei MS-kranken Tieren, bei denen Antikörper ursächlich sind, zur Stimulation von B-Zellen und damit zur Synthese der MOG-spezifischen Antikörper kommen. "Die sich daraus ergebende umfangreiche Antikörperproduktion bewirkt dann zusammen mit einer Restreaktion der TH1-Zellen eine Verschlechterung der MS", erläuterte Linington. Wahrscheinlich sei für eine effiziente Behandlung bei MS ein "kombinierter" Ansatz erforderlich, mit dem sowohl die TH1-Lymphozyten und Makrophagen zurückgedrängt als auch die Autoantikörperreaktionen eingedämmt werden.

Noch ist allerdings unklar, ob die im Tiermodell gefundene B-Zell-vermittelte Autoimmunreaktion auch an der Entstehung der MS bei Menschen beteiligt ist. Doch es gebe immer mehr Belege dafür, daß zumindest ein Teil der MS-Patienten MOG-spezifische Antikörper produziere, sagte der Forscher. Diese seien im Serum und Liquor der Erkrankten nachweisbar, aber nicht in den Proben gesunder Kontrollpersonen. MOG sei somit ein geeignetes Modell-Autoantigen. "Es ist aber unwahrscheinlich, daß es das einzige Antigen ist, das die Multiple Sklerose bei Menschen hervorruft" räumte Linington ein.

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30.10.1997 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


12.10.1997 Erneut Hinweise für Herpes-Viren als Ursache der MS

Toronto (Rö). Ist die Multiple Sklerose Folge einer Infektion des zentralen Nervensystems mit dem humanen Herpes-Virus 6 (HHV-6)? Argumente dafür sind jetzt bei der 37. Interscience Conference on Antimicrobial Agents and Chemotherapy in Toronto vorgestellt worden.

Die Idee, daß die Multiple Sklerose (MS) ein Virusinfekt sein könnte, ist nicht neu. Mehrere Befunde, daß HHV-6 die Ursache sein könnte, gibt es bereits. So haben MS-Kranke erhöhte Titer von Antikörpern gegen das Virus im Blut. Und HHV-6DNA ist im Liquor mancher MS-Patienten nachweisbar.

Die Hypothese, daß MS-Erkrankungen auf eine chronische Infektion mit HHV-6 zurückgehen, haben jetzt Dr. Konstance K. Knox und ihre Kollegen vom Institute for Viral Pathogenesis in Greenfield im US-Staat Wisconsin überprüft. Sie haben Proben vom ZNS-Gewebe von sieben MS-Patienten immunhistochemisch gefärbt mit murinen monoklonalen Antikörpern, die spezifisch auf HHV-6 waren, plus Farbstoff. Zellen, die mit dem Virus infiziert waren, wurden bei drei der sieben Patienten gefunden. Es fiel auf, daß die infizierten Zellen vor allem in solchen Bereichen lagen, in denen die charakteristische Demyelinisierung abläuft. Die Assoziation zwischen der aktiven ZNS-Erkrankung und der HHV-6-Infektion war signifikant. Eine Reaktivierung von latenten Infektionen mit diesem Virus durch die ZNS-Erkrankung wurde als mögliche Erklärung für die HHV-6-Infektionen in diesen Geweben ausgeschlossen. Denn es konnte belegt werden, daß etliche ZNS-Gewebe von Patienten mit inflammatorischen, demyelinisierenden Erkankungen des Gehirns HHV-6-negativ waren, darunter Patienten mit subakuter, sklerosierender Panenzephalitis und mit idiopathischer Leukenzephalopathie. Gleiches traf für normale Gehirne zu, die zur Kontrolle untersucht wurden. Wenn sich der Zusammenhang in weiteren Untersuchungen bestätigt, könnte geprüft werden, ob eine antivirale Therapie gegen HHV-6 effektiv bei MS-Kranken ist.

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12.10.1997 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


07.10.1997 Interferon verlängert die Zeit, bis MS-Patienten eine Gehhilfe benötigen

Dresden (mal). Patienten mit Multipler Sklerose (MS), die eine Behandlung mit Interferon-beta-1a (IFN-beta-1a) beginnen, haben im Vergleich mit Placebo-Patienten ein deutlich geringeres Risiko, zwei Jahre später auf eine Gehhilfe angewiesen zu sein. Dies ist eine der praktischen Schlußfolgerungen, die Professor Lawrence D. Jacobs aus Buffalo im US-Staat New York aus einer detaillierten Analyse der Daten der im vergangenen Jahr publizierten Zulassungsstudie für IFN-beta-1a gezogen hat. Nach seinen Angaben sind es sieben Prozent der Placebo-, aber nur ein Prozent der Verum-Patienten, die nach dieser Zeit einen Gehstock brauchen. Dies entspreche einer Risikoreduktion von 87 Prozent.

Bei einem Pressegespräch des Unternehmens Biogen aus Anlaß der 70. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Dresden hat Jacobs, Leiter der Zulassungsstudie, betont, daß die Verzögerung der Progression bei MS und damit des Behinderungsgrades wesentliches Ziel therapeutischer Bemühungen sei. Ermittelt wird der Behinderungsgrad anhand der Expanded Disability Status Scale (EDSS) nach Kurtzke mit maximal zehn Punkten.

Dieses Ziel werde durch eine Behandlung mit dem gentechnisch aus Hamsterovarzellen gewonnenen IFN-beta-1a - von Biogen angeboten als Avonex® - klar erreicht, wie die placebokontrollierte Studie mit 301 Patienten mit schubförmiger MS belegt habe. Nach zweijähriger Studiendauer hatten sich 35 Prozent der Placebo-Patienten anhaltend um mindestens einen Punkt auf der EDSS verschlechtert, aber nur 22 Prozent der mit dem Zytokin behandelten. Daraus lasse sich eine Risikoreduktion von 37 Prozent errechnen, so Jacobs. Weitere Vorteile der Therapie mit IFN-beta-1a in der Dosierung von einmal wöchentlich einer intramuskulären Injektion von sechs Millionen Einheiten seien eine herabgesetzte Schubfrequenz und ein positiver Effekt auf die Zahl aktiver MS-typischer Herde im Kernspintomogramm gewesen (wir berichteten).

Die genaue Analyse der EDSS-Daten habe die Überlegenheit von IFN-beta-1a mehrfach belegt, und zwar unabhängig von der initial gewählten Definition einer Progression, sagte Jacobs. Werde eine Progression nicht als eine über sechs Monate anhaltende Verschlechterung um einen Punkt auf der EDSS definiert, sondern um eine Verschlechterung um zwei Skalenpunkte, so betrage die Risikoreduktion durch die Zytokin-Therapie nicht nur 37, sondern sogar 67 Prozent, so Jacobs. Und ein Punktwert von sechs auf der EDSS, was der Notwendigkeit einer Gehhilfe entspricht, werde eben nach zwei Jahren von mehr Placebo-Patienten erreicht als von Verum-Patienten.

Jacobs wies ferner darauf hin, daß es bei vielen MS-Patienten im Krankheitsverlauf zu Fluktuationen des Behinderungsgrades kommt, bei zehn Prozent auch zur spontanen Besserung. Dies habe sich in der Zulassungsstudie auch bei den Placebo-Patienten bestätigt mit einer Rate von anhaltender Besserung bei neun Prozent. Im Vergleich dazu habe die Besserungsrate bei den mit dem Zytokin behandelten 18 Prozent betragen. Für Jacobs liegt es daher nahe, daß IFN-beta-1a bei manchen MS-Patienten nicht nur zu einer verzögerten Progression der Erkrankung führen kann, sondern zu einer tatsächlichen Besserung des Behinderungsgrades.

Die detaillierte Analyse der EDSS-Daten ist kürzlich in der Zeitschrift Neurology (49, 1997, 358) veröffentlicht worden.

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07.10.1997 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


06.10.1997 Interferon beta-1b ist bei MS-Kranken offenbar gut wirksam

Dresden (ab). Interferon beta-1b hat sich nach der Erfahrung von Professor Judith Haas als wirksames und insgesamt verträgliches Mittel zur Therapie bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) erwiesen. Die Hälfte der von ihr damit behandelten Patienten ist nach ihrer Aussage nach einem Therapiejahr schubfrei gewesen.

Wie die Chefärztin der Neurologischen Abteilung des Jüdischen Krankenhauses in Berlin bei einem Satellitensymposium des Unternehmens Schering während des Deutschen Neurologen-Kongresses in Dresden berichtet hat, sind im Jüdischen Krankenhaus in den vergangenen zwei Jahren etwa ein Drittel der Patienten mit Multipler Sklerose mit Interferon beta-1b behandelt worden.

Der größte Teil dieser etwa 110 Patienten seien zwischen 20 und 60 Jahre alt gewesen. Ihr Grad der Behinderung habe, bewertet nach der auch Kurtzke-Scala genannten Expanded Disability Status Scale (EDSS), zwischen zwei und fünf Punkten gelegen.

-Null EDSS-Punkte bedeuten: normaler neurologischer Befund bei acht Funktionssystemen, von der Pyramidenbahn bis zum Visus.
-Zehn Punkte stehen für Tod durch Multiple Sklerose.

Nach Angaben der Berliner Neurologin ist innerhalb von sechs Monaten nach Beginn der Therapie mit Interferon beta 1b (Betaferon®) bei 52 von 79 Patienten kein Schub aufgetreten. Nach zwölf Monaten seien 20 von 39 Patienten schubfrei gewesen.

Anhand der EDSS sei nach einem Jahr bei etwa der Hälfte der 39 an Multipler Sklerose Erkrankten eine Besserung festgestellt worden.

Als unerwünschte Effekte seien
-bei 37 von 108 Patienten Rötungen an der Injektionsstelle aufgetreten,
-bei 36 grippeähnliche Symptome und
-fünf Patienten hätten über Schlafstörungen geklagt.

Insgesamt jedoch, so Haas, "kann man sagen, daß das Präparat gut veträglich ist". Denn meist klängen die beobachteten Effekte rasch ab.

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06.10.1997 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


09.09.1997 Interferon-beta-1a bremst Zunahme der Behinderung bei MS

Berlin (arn). Eine zweijährige Therapie mit Interferon (IFN)-beta-1a verzögert bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) nach Angaben von Professor Laurence Jacobs aus New York deutlich die Progression der Erkrankung.

Nachdem zunächst eine Pilotstudie ergeben habe, daß rekombinantes IFN-beta-1a (Avonex®) das Fortschreiten neurologischer Behinderungen signifikant verzögern könne, sei der Effekt des Zytokins in einer plazebokontrollierten doppelblinden Phase-III-Studie bei 301 Patienten mit schubförmiger MS untersucht worden, so Jacobs auf einer Veranstaltung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft in Berlin. Die Patienten hätten über zwei Jahre einmal wöchentlich entweder sechs Millionen Einheiten IFNbeta-1a oder Plazebo bekommen.

Wichtigster Studienparameter sei die Zunahme der Behinderung, ermittelt anhand der Kurtzke Expanded Disability Status Skala (EDSS), gewesen, so Jacobs weiter. Denn die Behinderung sei für Patienten der ausschlaggebende Aspekt der Erkrankung und auch nach Ansicht der US-amerikanischen National Health Institutes das wichtigste Maß für den Krankheitsverlauf.

Progressionsrisiko wurde um 37 Prozent vermindert

Nach zwei Jahren sei bei nahezu 35 Prozent der Patienten der Plazebogruppe eine Progression um mindestens einen Punkt auf der EDSS für mehr als sechs Monate ermittelt worden, aber nur bei knapp 22 Prozent der Patienten der Verumgruppe. Das entspreche einer Risikoreduktion um 37 Prozent. Eine anschließende Analyse habe dann ergeben, daß der Nutzen der IFN-Therapie bei strikter Definition der Progression sogar noch offensichtlicher sei. So habe das Risiko für eine Progression um einen EDSS-Punkt über ein Jahr um 61 Prozent vermindert werden können, das für eine Progression um zwei Punkte über sechs Monate um 67 Prozent. Insgesamt, so Jacobs, sei bei Patienten der Plazebogruppe in den zwei Studienjahren eine Zunahme von initial 2,3 auf 3,4 Punkte der EDSS beobachtet worden, bei Patienten der Verumgruppe dagegen nur ein Anstieg von 2,4 auf 2,7 Punkte.

Die INF-Therapie wurde von den Patienten gut vertragen

Ein weiterer Nutzen der IFN-Therapie sei eine herabgesetzte Schubfrequenz und eine signifikante Rückbildung von kernspintomographisch sichtbarer Läsionen. Die IFN-Therapie sei gut vertragen worden, wie die geringe Abbruchrate von neun Prozent im Vergleich zu sechs Prozent unter Plazebo belege. Häufigste Nebenwirkung sei ein grippeähnliches Syndrom, berichtete Jacobs.

Die Grippesymptome treten nach den Erfahrungen von Professor Judith Haas vom Jüdischen Krankenhaus in Berlin vor allem bei der Erstinjektion von IFN auf und lassen später nach. Möglich sei eine Prophylaxe mit Paracetamol oder Ibuprofen. Wichtig vor Therapiebeginn sei die gründliche Aufklärung der Patienten, die oft hohe Erwartungen hätten. Die Behandlung müsse als eine Art Prophylaxe betrachtet werden.

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09.09.1997 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit



02.05.1997 Ist orale Steroidtherapie so effektiv wie die parenterale?

London (run). Als Standardtherapie bei Patienten mit einem akuten Multiple-Sklerose-Schub gilt derzeit die kurzzeitige, hochdosierte Infusion von Methylprednisolon. Britische Wissenschaftler haben nun festgestellt, daß sich der gleiche Effekt auch mit einer niedrigdosierten oralen - und damit kostengünstigen und einfach zu handhabenden - Kortisonbehandlung erreichen läßt.

Neurologen verschiedener Krankenhäuser in London, Birmingham und in Southampton haben in der Studie 42 MS-Patienten während eines akuten Schubs mit 48 Milligramm Methylprednisolon oral sieben Tage lang behandelt. Anschließend wurde für je weitere sieben Tage mit 24 und zwölf Milligramm die Therapie ausgeschlichen. Zum Vergleich erhielten 38 MS-Patienten im akuten Schub je ein Gramm Methylprednisolon drei Tage lang über je eine halbe Stunde infundiert.

Wie die Wissenschaftler berichten, konnte innerhalb von 24 Wochen kein deutlicher Unterschied beim Behandlungserfolg - zum Beispiel gemessen am EDSS-Behinderungsgrad - zwischen den beiden Gruppen festgestellt werden (Lancet 349, 1997, 902). In beiden Gruppen wurden die Patienten zudem gleich schnell aus dem Krankenhaus entlassen.

Trotz der offensichtlich gleichen Wirksamkeit der oralen und der intravenösen Kortisontherapie bei einem akuten MS-Schub plädiert Professor Hans-Peter Hartung von der Universität Würzburg dafür, das bisherige Infusionsschema vorerst beizubehalten. "Die intravenöse Behandlung hat nach tierexperimentellen Daten den Vorteil, daß eingewanderte autoaggressive T-Lymphozyten durch die hochdosierten Steroide zur Apoptose angeregt werden", so der Neurologe zur ÄRZTE ZEITUNG. Dies sei vermutlich ein Mechanismus, durch den akut der Schub verkürzt und wahrscheinlich auch langfristig der Krankheitsverlauf positiv beeinflußt werde. Zudem sei es sinnvoll, daß bei einem Schub mit schwerer motorischer und visueller Beeinträchtigung die initiale Behandlung im Krankenhaus unter Beobachtung erfolge.

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02.05.1997 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


17.04.1997 MS-kranke Schwangere sind nicht anders zu betreuen als gesunde

Boston (ple). Prinzipiell sind Schwangere mit Multipler Sklerose nicht anders gynäkologisch und geburtshilflich zu versorgen als gesunde Schwangere. Die Komplikationsrate ist in dieser Gruppe nicht höher. Dies gilt zum Beispiel auch für das Risiko eines Spontanaborts, einer Totgeburt oder einer ektopischen Schwangerschaft.

Auch Komplikationen während der Schwangerschaft oder während der Geburt sowie fetale Mißbildungen sind den bisherigen Untersuchungsergebnissen zufolge in dieser Patientengruppe nicht häufiger als bei gesunden Schwangeren, wie Dr. Jeffrey A. Cohen aus Cleveland im US-Staat Ohio sagt. Der Neurologe hat während der 49. Jahrestagung der American Academy of Neurology in Boston im US-Staat Massachusetts berichtet, daß an seinem Zentrum aus diesem Grunde Frauen, die Multiple Sklerose haben, nicht von einer Schwangerschaft abgeraten wird: "Bei einer unkompliziert verlaufenden Erkrankung müssen wir nichts anderes machen als sonst auch."

Darüber hinaus sei Multiple Sklerose per se kein Grund, sich für einen Kaiserschnitt zu entscheiden. Hier gelten die auch bei gesunden Schwangeren gängigen Indikationen, etwa eine Becken-Endlage des Kindes. Oder: Probleme könnten kranke Frauen dann haben, wenn sie aufgrund der Schwäche der Extremitätenmuskulatur schlechter pressen können, so daß für einen Kaiserschnitt entschieden wird.

Analgetika lassen sich nach Angaben von Cohen sicher parenteral verabreichen, auch eine Periduralanästhesie sei bei diesen Frauen problemlos möglich. Von einer intrathekalen Applikation von Anästhetika rät er ab.

Bei der Behandlung von MS-kranken schwangeren Frauen sei es besonders wichtig, die Medikation auf das Erforderliche zu beschränken. Kortikosteroide und ACTH etwa, die bei Exazerbationen gegeben werden, sollten so weit es geht in der Schwangerschaft nicht verwendet werden. Bei - hochdosierten - Kortikosteroiden bestehe die Gefahr der Teratogenität, wie Tierversuche vermuten ließen, doch sei dies für den Menschen bisher nicht bestätigt worden. ACTH sollte im ersten Trimenon deshalb nicht gegeben weden, weil es die Androgenproduktion stimuliert und zur Virilisierung führen kann. Cohen empfahl bei unerwarteter Schwangerschaft, die Behandlung mit Interferon-beta oder Copolymer 1 sofort zu unterbrechen, bei einer geplanten Schwangerschaft solle die Behandlung ein bis zwei Monate vor der Konzeption gestoppt werden.

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14.04.1997 Effekt von Interferon bei Praxisbedingungen bestätigt

Frankfurt am Main (mal). Bisherige praktische Erfahrungen mit Interferon-beta-1b bei Multiple-Sklerose-Kranken bestätigen die Daten zur Wirksamkeit dieser Substanz aus klinischen Untersuchungen. Auch die Häufigkeit in der Praxis beobachteter unerwünschter Effekte dieser Therapie korreliert gut mit bisher veröffentlichten Studienergebnissen, wie Dr. Ernst Walther vom Klinikum Großhadern in München bestätigt hat.

Bei einer Pressekonferenz des Unternehmens Schering aus Anlaß der Markteinführung von Betaferon® vor gut einem Jahr hat Walther in Frankfurt am Main die Daten von 50 MS-Patienten vorgestellt, die er seit März 1994 in der Neuroimmunologischen Ambulanz des Klinikums Großhadern mit dem Interferon-beta (IFN-beta)-1b-Präparat behandelt hat. Nach Angaben des Münchner Arztes ist bei 43 der 50 Patienten durch die Interferon-Therapie die Schubrate um mindestens 30 Prozent reduziert worden.

Der letzte Schub liegt bei vier Kranken über ein Jahr zurück

Vier Patienten seien schon länger als ein Jahr ohne neuen Schub geblieben, so Walther. Abgebrochen hätten die Behandlung bisher drei Patienten, und zwar aufgrund vermehrter Schübe nach zweijähriger Therapie und Verdacht auf neutralisierende Antikörper, aufgrund des Überganges des Krankheitsverlaufes in eine sekundär chronisch progrediente MS-Form oder aufgrund von Nebenwirkungen. Nach einer Behandlungsdauer von drei bis 32 Monaten habe sich aufgrund der zum Zeitpunkt der Auswertung verfügbaren Daten von 27 Patienten eine Reduktion der Schubrate von 2,4 pro Jahr auf 0,7 ergeben, sagte Walther. Grippeähnliche Symptome als Nebenwirkungen sind nach Angaben des Münchner Arztes bei 70 Prozent und lokale Reaktionen an der Injektionsstelle bei 72 Prozent der 50 Patienten dokumentiert worden.

Positiver Effekt auf Schubrate bleibt über fünf Jahre erhalten

Diese Ergebnisse ähneln damit denen der US-amerikanischen Zulassungsstudie für Interferon-beta1b, an der 372 Patienten mit schubförmig verlaufender Multipler Sklerose teilgenommen haben. Die Ergebnisse dieser Studie hat Dr. Gertrud Schröder vom Unternehmen Schering bei der Veranstaltung in Frankfurt nochmals zusammengefaßt. Danach wird durch Interferonbeta-1b im Vergleich zu Placebo die Schubfrequenz dosisabhängig gesenkt, und zwar bei der kommerziell verfügbaren Dosierung von acht Millionen Einheiten bereits im ersten Behandlungsjahr um 33 Prozent. Diese Differenz zwischen Verum und Placebo bleibt nach inzwischen vorliegenden Daten über einen Zeitraum von fünf Jahren erhalten, wie Schröder in Frankfurt gesagt hat.

Weiterhin wird durch Interferonbeta-1b die Häufigkeit schwerer und mittelschwerer Schübe sowie die Krankheitsaktivität im Kernspintomogramm signifikant reduziert, und es werden unter anderem weniger MS-bedingte Klinikaufenthalte notwendig. Nach den Zwei-Jahres-Ergebnissen dieser Zulassungsstudie waren grippeähnliche Symptome bei 76 Prozent und lokale Reaktionen an der Einstichstelle bei 85 Prozent der Patienten aufgetreten.

Walther empfiehlt, die Interferon-Behandlung einschleichend mit der halben End-Dosierung, also mit vier Millionen Einheiten für die ersten sieben Injektionen zu beginnen, um dem Patienten die Gewöhnung an das Präparat zu erleichtern. Außerdem werde den Patienten in der Ambulanz in Großhadern empfohlen, Interferon-beta-1b abends vor dem Schlafengehen zu spritzen, "um die Symptomatik quasi zu verschlafen." Eine gleichzeitige Behandlung mit nichtsteroidalen Antiphlogistika könne die Ausprägung der Symptome verringern, sagte Walther. Bei ausgeprägten Nebenwirkungen sei es sinnvoll, die Einschleichphase zu verlängern und auch die Interferonbeta-1b-Dosis auf bis zu zwei Millionen Einheiten jeden zweiten Tag zu reduzieren.

Nach Angaben von Schröder ist die Bedeutung von neutralisierenden Antikörpern, die sich in der US-Studie etwa bei jedem dritten mit Interferon-beta-1b behandelt en MS-Kranken gebildet hatten, nach wie vor unklar. Deshalb sollte die Bewertung, ob ein Patient auf die Behandlung anspricht oder nicht, von klinischen Parametern abhängig gemacht werden.

Mit dem Ziel einer Indikationserweiterung für Interferon-beta-1b, das bisher für die Therapie bei schubförmig verlaufender MS zugelassen ist, läuft derzeit in Europa eine placebokontrollierte Untersuchung zum Effekt des Zytokins bei 718 MS-Patienten mit sekundär chronisch progredienter Erkrankung. Erste Studienergebnisse werden für diesen Herbst erwartet, wie Schröder gesagt hat.

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14.04.1997 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit