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28.12.2001 Neue Aspekte in der Therapie der MS

Ein Molekül im Gift der Seeanemone verhindert bei Tieren die typischen Symptome der multiplen Sklerose.

Die Heilung für multiple Sklerose (MS) kommt vielleicht aus dem Meer. Französische Wissenschaftler glauben, das Gift der Seeanemone könne diese Erkrankung des zentralen Nervensystems bekämpfen.

Bei Laborversuchen mit Ratten haben die Franzosen in Marseille festgestellt, dass ein Molekül im Gift der Seeanemone die typischen Symptome der multiplen Sklerose verhindert. Damit könnte der Entzündung der betroffenen Nervensegmente und damit der progredienten Lähmung der MS Patienten entgegengewirkt werden. "Unsere Untersuchungen bilden eine Basisplattform, auf der man nun in Richtung einer wirklichen Heilung arbeiten kann", schränkt Evelyne Béraud, Mitglied des Forscherteams, allzu grosse Hoffnungen ein.

Die Forscher wollen ihre Entdeckung nach den Versuchen mit Ratten nun auch an anderen Tieren ausprobieren. Gleichzeitig versucht die Pharmabranche, das Gift der Seeanemone synthetisch herzustellen. Ziel ist es, eine Methode zu entwickeln, durch die dem Körper von MS-Kranken ständig winzige Mengen des Seeanemonen-Gifts zugeführt werden können.

Quelle:
Die Welt, 28.12.2001

3 weitere Seeanemonen Artikel unter 21.11.2001


26.12.2001 Epstein-Barr Virus und Multiple Sklerose

Obwohl die Ursache der Multiplen Sklerose MS bisher unklar bleibt bestehen immer mehr Anhaltspunkte dafür, dass durch Infektionen getriggerte Autoimmunmechanismen eine Rolle spielen. In einer prospektiven Studie wurde nun eine Rolle des Epstein-Barr Virus EBV in der Pathogenese der MS nachgewiesen.

Mehr als 90% der menschlichen Bevölkerung sind mit EBV, einem Herpesvirus, infiziert. Jahre nach Infektion sind bei den Betroffenen noch deutlich erhöhte Spiegel von zytotoxischen T Zellen nachweisbar, welche theoretisch mit körpereigenen Proteinen interagieren könnten.
EBV Infektionen sind mit nasopharyngealen Karzinomen, Burkitt Lymphomen und Hodgkin Lymphomen assoziiert, ob sie auch eine Rolle bei Autoimmunkrankheiten spielen, ist zur Zeit noch nicht klar. Diese im JAMA publizierte Studie sollte etwas Klarheit schaffen.

Methodik: Über 62 000 Frauen aus der Nurses Health Study (30-55 jährig) und der Nurses Health Study II (25-42 jährig) wurden in diese prospektive Fallkontrollstudie eingeschlossen. Bei allen Frauen waren Blutproben von 1989-1990 und 1996-1999 verfügbar, alle Teilnehmerinnen wurden bis 1999 beobachtet. 144 Frauen mit MS sowie 288 Kontrollindividuen wurden in die Analyse eingeschlossen.
Endpunkte waren die EBV- und CMV Antikörpertiter in bezug auf das Auftreten einer MS.

Resultate: 18 MS Fälle, wo Blutproben von vor der Erkrankung vorhanden waren, traten bis 1999 auf. Verglichen mit den Kontrollindividuen ohne MS hatten die betroffenen Frauen signifikant höhere EBV Antikörpertiter, nicht aber höhere Anti-CMV Titer. Je nach kontrolliertem EBV Antikörper betrug das relative Risiko, bei erhöhtem Titer an einer MS zu erkranken, zwischen 1,6 und 2,5.
Bei der Analyse der Daten von 126 MS Fällen und ihrer Kontrollindividuen zeigten sich ähnliche Resultate.

Konklusion: Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass das EBV in der Pathogenese der MS eine Rolle spielt.

Quelle:
JAMA 2001;286:3083-3088


18.12.2001 Kennen Sie den State of the art?

DUBLIN - Je früher die Multiple Sklerose diagnostiziert und therapiert wird, desto besser für die Prognose. Da der Verlauf der MS mittlerweile günstig beeinflusst werden kann, kommt dem Hausarzt heute eine bedeutendere Rolle zu. Am Roundtable der Medical Tribune kamen anlässlich des Jahreskongresses des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis international renommierte Experten aus Österreich, Schweiz, Deutschland sowie USA und Kanada zusammen. Wir wollten von den Experten wissen, was die neuesten Studien gebracht haben und wie es mit der Relevanz für die Praxis aussieht.

MT: Wie lange dauert es bei der Multiplen Sklerose, bis erste Symptome manifest werden?

Prof. Kesselring:
Es ist uns leider nicht möglich, genaue Voraussagen bezüglich der Zeitspanne zu machen, die zwischen Erkrankungsbeginn und ersten Symptomen liegt. Unser heutiges Verständnis von den pathophysiologischen Vorgängen erlaubt uns jedoch zu sagen, dass es mindestens Wochen bis Monate dauert, bis die ersten Symptome auftreten. Erste Anzeichen sind oft eine Optikusneuritis oder andere sensorische Symptome. Seltener sind motorische Ausfälle oder Patienten mit Kleinhirnsymptomatik.

Dr. Japp: Kommen die Patienten zu uns, sind sie sich oft bewusst, dass sie krank sind. Sie berichten über Müdigkeit und Kopfschmerzen, wenn auch ohne neurologische Defizite.

Prof. Strasser: Wenn wir die Patienten zum ersten Mal sehen und eine Magnetresonanztomographie anfertigen lassen, die dann multiple Herde im ZNS zeigt, gehen wir davon aus, dass die Erkrankung seit Monaten oder Jahren vorliegt.

MT: Muss die Diagnose von einem Neurologen gestellt werden?


Prof. Coyle: In den Staaten haben wir eine Kampagne gestartet, um die Hausärzte mit den Symptomen bekannt zu machen, bei denen ein Neurologe hinzugezogen werden sollte. Teil dieser Kampagne ist es, den Hausärzten klarzumachen, dass wir diese Krankheit nun behandeln können. Das ist ein dramatischer Wandel in der MS-Therapie.

Prof. Kesselring: In der Schweiz konsultieren die Patienten zunächst ihren Hausarzt und werden dann an den Neurologen überwiesen. In der Tat hat sich im letzten Jahrzehnt viel getan. Die Studien ETOMS1) und CHAMPS2) haben uns einige Antworten geliefert. Einige Fragen bleiben jedoch offen: Wie sollen wir unsere Patienten davon überzeugen, ein Medikament mit einigen Nebenwirkungen zu nehmen, um eine Erkrankung zu behandeln, von der sie wahrscheinlich lange nichts spüren werden? Im Falle der MS muss sich der Patient auf unsere Interpretation von Studien verlasen. Daraus resultieren Compliance-Probleme.

MT: Wann sollte demnach mit der Therapie begonnen werden?


Prof. Coyle:
Die vorliegenden Studienergebnisse sagen uns, dass man beim ersten Schub behandeln sollte. Als pathognomonisch für die MS bezeichne ich ein klinisches Bild, das von einer Optikusneuritis, einer inkompletten Rückenmarksläsion, einer isolierten Läsion des Hirnstamms oder des Kleinhirns geprägt ist und zusätzlich ungeklärte Herde im MRI des Gehirns aufweist.


MT: Zahlen die Kassen die frühe Behandlung?

Dr. Japp:
In Deutschland nicht. Hier benötigen wir immer noch zwei Schübe und Läsionen im MRI, um die Behandlung beginnen zu können.

Prof. Strasser: In Österreich haben wir den großen Vorteil, MS-Patienten in speziellen Zentren behandeln zu können und auch bezüglich der Kostenübernahme durch die Krankenkassen gibt es keine Probleme.

Prof. Kesselring: In der Schweiz sind wir in einer glücklichen Position. Die Krankenkassen haben unsere Argumente akzeptiert, warum es wichtig ist, Interferon und Glatirameracetat* sehr schnell den Patienten zugänglich zu machen, und übernehmen die Kosten. Vieles spricht dafür, dass die Wirksamkeit sehr stark davon abhängt, wie früh die Substanzen gegeben werden.

Dr. Schluep: Die Erklärung mag darin liegen, dass Interferon und möglicherweise Glatirameracetat auf den Entzündungsprozess der MS wirkt, daher ist eine maximale Wirksamkeit am Beginn der Erkrankung zu erwarten. Sobald der degenerative Prozess einsetzt, wenn die Patienten behindert sind, ist es zu spät für diese Behandlung.

Prof. Kesselring: Was wir eigentlich versuchen, ist, eine Prävention der Schübe zu erreichen und nicht die Behandlung der Krankheit. Bisher ist es nicht möglich zu beweisen, dass wir langfristig Erfolg haben werden. Basierend auf den vorliegenden, wenn auch kurzfristigen Studienergebnissen hoffen wir aber darauf.

Prof. Comi: Für mich gibt es da überhaupt keinen Unterschied, ob man neue Läsionen im MRI hat oder einen neuen Schub. Biologisch gesehen ist es genau das gleiche, nur dass mit dem Schub auch Probleme für den Patienten entstehen. Es ist wie beim stillen Myokardinfarkt. Da würde man auch nicht auf eine Behandlung verzichten, weil der Patient asymptomatisch ist.

MT: Es sind vier Medikamente zur Behandlung von MS auf dem Markt, drei davon sind Interferone. Worin liegen die Unterschiede?

Prof. Freedman:
Für uns ist der Unterschied in der benötigten Dosis relevant. Es gibt Hochdosis- und Niedrigdosispräparate mit 22, 30 oder 44 Mikrogramm Interferon beta-1a. Sie unterscheiden sich ebenfalls in der Verabreichungsform (intramuskulär oder subkutan). Glatirameracetat ist eine immunmodulatorische Substanz, die anders wirkt als die Interferone.

Prof. Coyle: Es stehen uns neue Ergebnisse von der EVIDENCE3)-Studie zur Verfügung, die ein Hochdosispräparat mit Interferon beta-1a einem niedrigdosierten Interferon beta-1a gegenüberstellte. Auch von der INCOMIN4)-Studie gibt es Resultate, ihre komplette Ergebnisse liegen aber noch nicht vor. In dieser auf zwei Jahre angelegten Studie erhielten Patienten entweder eines der beiden Interferon-beta-1a-Präparate oder Interferon beta-1b*. Beide Studien haben gezeigt, dass höher dosiertes, häufig verabreichtes Interferon einer niedrigen Dosis in der Wirkung überlegen ist.

MT: Aber welche Verabreichungsform wird von den Patienten bevorzugt?

Dr. Japp:
Das ist unterschiedlich. Manche Patienten kommen gut mit der wöchentlichen intramuskulären Therapie zurecht, andere sind so stark davon beeinträchtigt, dass sie die subkutane Verabreichung vorziehen. Im Allgemeinen führt die Hochdosis-Behandlung (dreimal 44 Mikrogramm pro Woche) zu mehr Nebenwirkungen.

Prof. Freedman: Wir kennen die optimale Dosis noch nicht. Eine niedrige Dosis, die zu einem späteren Zeitpunkt definitiv zu niedrig ist, kann frühzeitig wirksam sein. Wenn man aber nicht genau weiß, welche Dosis optimal ist, ist es vielleicht besser, die höhere Dosis zu wählen. Das ist ähnlich wie bei einer Infektion, auch dort würde man lieber zu hoch dosieren als eine unterschwellige Infektion zu riskieren. Was die Nebenwirkungen angeht: Meiner Erfahrung nach sind zwar die unerwünschten Wirkungen bei niedriger Dosierung geringer, dafür halten sie sechs Monate lang an. Bei der subkutanen Injektion sind die Nebenwirkungen stärker ausgeprägt, aber sie verschwinden schnell.

MT: Haben alle Patienten Nebenwirkungen?

Dr. Schluep:
Nicht alle, aber wir ziehen es vor, die Patienten min-destens mit Paracetamol* oder Ibuprofen* abzudecken, um grippeartigen Symptomen vorzubeugen. Wenn man die Patienten gut aufklärt und sie entsprechend mit NSAR versorgt, können sie unseren Erfahrungen nach am nächsten Tag schon ihrer Arbeit nachgehen.

MT: Welche Rolle spielt die Entwicklung neutralisierender Antikörper?

Prof. Coyle:
Die Bestimmung neutralisierender Antikörper ist für die klinische Entscheidung nicht sehr hilfreich. Die Zukunft wird uns bessere Daten zu diesem Problem liefern. Sollten sie tatsächlich bei einem hohen Prozentsatz der Patienten auftreten, gibt es Methoden, dies in den Griff zu bekommen.

Dr. Schluep: Ich bin derselben Ansicht. Unsere klinische Entscheidung machen wir nicht von der Entwicklung neutralisierender Antikörper abhängig.

MT: Welche Rolle spielt die Kernspintomographie?

Prof. Coyle:
Die Kernspintomographie ist sehr wichtig. Wir haben kein besseres Instrument, um die Progression der Krankheit zu messen, besonders in ihrer frühen schubförmigen Phase.

Dr. Schluep: In der Schweiz setzen wir die Kernspintomographie in der Verlaufskontrolle nicht systematisch bei allen Patienten ein. Oft entscheiden wir uns je nach klinischer Situation.

MT: Die Studien sagen uns, dass die Therapie früh begonnen werden muss. Inwieweit lassen Sie sich von den neuesten Ergebnissen beeinflussen?

Dr. Schluep:
Im Moment benutzen wir dieselben Therapieschemata wie vorher, da hohe Interferon-Dosierungen in der Schweiz schon seit einiger Zeit erhältlich sind. Die wesentliche Auswirkung der Studien ist, dass zumindest bestimmte Patientengruppen schon früh im Krankheitsverlauf hohe Dosen erhalten können.

Prof. Strasser: Die Studienlage hat unsere Bereitschaft zur Frühbehandlung auch mit hohen Dosen zweifellos erhöht. Abzuwägen ist aber trotzdem auch die glück-licherweise doch recht hohe Rate spontan günstiger Verläufe. Daher ist in vielen Fällen die weitere Beobachtung der klinischen Krankheitsentwicklung – eventuell unterstützt durch entsprechende MRI-Befunde – für eine Therapieentscheidung nach wie vor unerlässlich.

Prof. Coyle: Meine Auffassung über MS hat sich dramatisch verändert. Was uns die Studien EVIDENCE und INCOMIN gezeigt haben, ist, dass die verschiedenen Interferon-Präparate nicht über die gleiche Wirksamkeit verfügen. Wir können unseren Patienten gegenüber nicht so tun, als seien sie gleich gut. Wir sind aus ethischen Gründen verpflichtet, ihnen zu sagen, dass in Studien gezeigt wurde, dass eine hohe Dosis mehrmals wöchentlich besser wirkt als eine niedrige Dosis einmal in der Woche. Meine Bereitschaft ist gestiegen, bei einem Patienten, der früher einmal wöchentlich mit einer niedrigen Dosis Interferon behandelt wurde, die Therapie zu erhöhen, da ich jetzt weiß, dass sie nur suboptimal war.

MT: Würden Sie sofort mit einer hohen Dosis beginnen?

Prof. Freedman:
Es spricht nichts dagegen, hoch dosiert anzufangen, wenn das gut vertragen wird. Man erhöht die Dosis einschleichend über ein bis zwei Monate, bis man die erwünschte hohe Dosis erreicht hat.

MT: Frau Dr. Schluep, was sind Ihre Empfehlungen für den Schweizer Hausarzt?

Dr. Schluep:
In der Schweiz verfügen praktizierende Neurologen und Hausärzte über ein fundiertes Wissen zur MS. Wir organisieren regelmäßig Fortbildungen für die Kollegen, weil es schwierig ist, sich im Praxisalltag über alle neuen Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Wir stehen auch für telefonische Anfragen zur Verfügung, wenn sich ein Arzt über Therapieschemata oder Behandlungsoptionen informieren möchte.

ETOMS: Early Treatment of Multiple Sclerosis
2) CHAMPS: Controlled High Risk Subjects Avonex Multiple Sclerosis Prevention Study
3) EVIDENCE: Evidence for Interferon Dose Response European-North American Comparative Efficacy Study
4) INCOMIN: Independent Comparison of Interferon Trial


Teilnehmer am Medical Tribune-Roundtable zur Therapie der MS

Univ.-Prof. Dr. Giancarlo Comi

Neurologie und Klinische
Neurophysiologie, Hospedale San Raffaele,
Mailand

Univ.-Prof. Dr. Patricia K. Coyle
Stony Brook Multiple Sclerosis Comprehensive Care Center,
New York

Univ.-Prof. Dr. Mark Freedman
MS Research Clinic, Ottawa Hospital,
Ottawa

Dr. Gudrun Japp
Asklepios-Klinik,
Königstein

Univ.-Prof. Dr. Jürg Kesselring
Rehabilitationszentrum
Valens

Dr. Myriam Schluep
Neurologie,
CHUV Lausanne

Univ.-Prof. Dr. Siegrid
Strasser-Fuchs
Universitätsklinik für Neurologie,
Graz

Quelle:
MTD 50 / 2001 S. 26


10.12.2001 Impfungen sind keine Gefahr für MS-Patienten

Studien haben keinen Zusammenhang zwischen MS-Schüben und Impfungen gegen Tetanus oder Hepatitis ergeben

BERLIN (ner). Es gibt keinen Grund, Patienten mit Multipler Sklerose (MS) wichtige Impfungen, etwa gegen Influenza, Tetanus oder Hepatitis B, vorzuenthalten. Ein Zusammenhang zwischen Impfung und erhöhter Schubrate besteht nach jüngsten epidemiologischen Daten nicht.


Bisher wurde MS-Patienten oft von Impfungen abgeraten, weil theoretisch die Aktivierung des Immunsystems die Schubrate erhöhen könnte. Tatsächlich gebe es Hinweise darauf, daß etwa virale Infekte Multiple-Sklerose-Schübe hervorrufen können, so Dr. Klaus-Peter Wandinger und Privatdozentin Dr. Frauke Zipp von der Charité in Berlin in der Zeitschrift "Der Nervenarzt (10, 2001, 802).

Vorbehalte gegen die Impfung beruhten allerdings vorwiegend auf Einzelfallberichten, berichten die Neurologen.


In den vergangenen drei Jahren sind jedoch vier große kontrollierte Studien veröffentlicht worden, in denen kein Zusammenhang erkennbar ist zwischen Hepatitis-B-Impfung und dem Risiko, an MS zu erkranken oder vermehrt MS-Schübe zu bekommen.

Die Ergebnisse dieser Studien beziehen sich jeweils auf die Auswertung von Datenbanken mit mehreren hunderttausend Personen, wobei Gesunde mit MS-Patienten verglichen worden sind.

Eine französische Arbeitsgruppe hatte in einer Fall-Kontrollstudie mit 643 MS-Patienten zudem kein erhöhtes Risiko bei kombinierten Tetanusimpfstoffen und für Influenzaimpfungen festgestellt, berichten Wandinger und Zipp.

Da in Deutschland der Impfschutz bei MS-Patienten nach wie vor unzureichend sei, fordern sie, auch Multiple-Sklerose-Patienten gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu impfen.

Die Empfehlungen der STIKO sind nachzulesen unter http://www.rki.de/.

Quelle:
10.12.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


28.11.2001 Spezial-Infos zu ZNS-Krankheiten

FRANKFURT/MAIN (ger). Der ZNS-Spezialist Lundbeck hat seiner Website ein neues Gesicht gegeben. Das dänische Pharma-Unternehmen bietet im
Internet Informationen für Ärzte und Patienten zu neurologischen und
psychiatrischen Erkrankungen.

Service-Leistungen wie Beiträge zum Thema Praxismanagement, Kasuistiken
von Patienten mit Depressionen, Informationen über Veranstaltungen,
Literaturtips und aktuelle Nachrichten aus dem Bereich ZNS werden für
Ärzte vorgehalten.

Die Adresse im Internet:
www.lundbeck.de


27.11.2001 Bald Behandlung mit neuem Immunmodulator?

Hochaktiver Stoff aus Bakterien isoliert / Aktivierung von menschlichen Immunzellen noch in geringsten Spuren

GIEßEN (ots). Immunologen haben einen hochaktiven Stoff aus Bakterien isoliert, mit dem pathogene Mikroorganismen in der Lage sind, das menschliche Immunsystem zu unterwandern und chronische Infektionen zu etablieren.


In seinen Forschungen zur Entwicklung neuer Immunmodulatoren ist dem Unternehmen Jomaa Pharmaka aus Gießen damit ein wichtiger Schritt in Zusammenarbeit mit den Universitäten und den Universitätskliniken in Gießen, Marburg und Frankfurt am Main gelungen.

Der neue Stoff mit der chemischen Bezeichnung "4-Hydroxy-3-methyl-but-2-enylpyrophosphat" (HMB-PP) kann noch in geringsten Spuren bestimmte menschliche Immunzellen aktivieren, die eine wichtige regulierende Funktion bei vielen Entzündungsprozessen haben. Dieser Mechanismus ist vermutlich von entscheidender Bedeutung bei Malaria, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten.

Mit der Entdeckung von HMB-PP ergeben sich neue Therapiemöglichkeiten für diese Infektionen. Darüber hinaus wird vermutet, daß durch den Einsatz dieses Immunmodulators das menschliche Abwehrsystem so beeinflußt werden kann, daß - im Falle von Autoimmunerkrankungen und Allergien - schädliche Reaktionen gegen körpereigene Strukturen wie Nervengewebe oder auf allergene Substanzen wie Hausstaub oder Pollen unterdrückt werden.

Basierend auf dem Verfahren des Unternehmens wurde bereits eine Phase-IIa-Studie mit einem neuen Antimalaria-Wirkstoff erfolgreich abgeschlossen. In wenigen Tagen wird darüber hinaus eine klinische Prüfung der Phase II mit einem neuen Multiple-Sklerose-Therapeutikum beginnen.

Weitere Informationen bei der Jomaa Pharmaka GmbH, Frankfurter Straße 50 in 35392 Gießen, oder unter der E-Mail-Adresse info@jomaa.de. Tel. 0641/79 70 7-0, Fax.0641/ 79 70 7-10 , Internet: http://www.jomaa.de/

Quelle:
27.11.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


26.11.2001 Der Immunmodulator Glatirameracetat verringert die Schubrate langfristig

FRANKFURT AM MAIN (ner). Der spezifische Immunmodulator Glatirameracetat ist nach Meinung von Neurologen als ein Basistherapeutikum der ersten Wahl bei Patienten mit Multipler Sklerose einzustufen.

Im Vergleich zu den Interferonen zeichnet sich das Präparat vor allem durch gute Verträglichkeit aus. Glatirameracetat ist unter dem Namen Copaxone® seit kurzem in Deutschland auf dem Markt. "Die Substanz hat über die Jahre ihre Wirksamkeit belegt", sagte Professor Hans-Peter Hartung von der Universität Düsseldorf in Frankfurt am Main.

So reduzierte sich bei 251 MS-Patienten mit primär schubförmigem Verlauf die Schubrate von anfangs 1,49 auf 0,75 im ersten und 0,39 im dritten Studienjahr. Die Unterschiede zur Placebogruppe waren signifikant. Im sechsten Jahr gingen die Schubraten bis auf 0,23 zurück, hieß es bei der Veranstaltung von Aventis und Teva Pharma, die das Medikament gemeinsam vermarkten. Der Behinderungs-Grad, gemessen mit der EDSS (Expanded Disability Status Scale), blieb bei fast zwei Dritteln der mit Glatirameracetat behandelten Patienten während der Studie konstant oder verbesserte sich sogar.

Glatirameracetat stimuliert die Bildung von Th2-Zellen, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden können und im ZNS antiinflammatorische Zytokine sezernieren.

Das Medikament verursacht keine grippeähnlichen Symptome, wie sie etwa bei Beginn einer Interferon-Therapie beobachtet werden. Es geht auch nicht mit einer erhöhten Inzidenz von Depressionen oder erhöhter Krampfneigung einher. Daher sei es auch nach den Empfehlungen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft eine zweite Säule der Basistherapie bei schubförmig verlaufender MS, so Professor Ralf Gold aus Würzburg. Zudem sei es eine Alternative bei schweren Interferon-Nebenwirkungen.

Quelle:
26.11.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


21.11.2001 Antikörper bremst Läsionen bei MS-Patienten

Humanisiertes Immunglobulin bindet sich an T-Lymphozyten / Wirkstoff wird auch bei Morbus Crohn getestet

AACHEN (nsi). Ein neues, entzündungshemmendes Wirkprinzip könnte künftig eventuell Patienten mit Multipler Sklerose und Morbus Crohn helfen: ein monoklonaler Antikörper bindet sich an T-Lymphozyten. Er verhindert so, daß sie aus der Blutbahn ins Gewebe wandern.


Kontrollierte, Phase-II-Studien mit dem humanisierten Immunglobulin haben ergeben, daß es neue, MS-spezifische Läsionen im Gehirn verhindert und die Zahl der Schübe in einem Zeitraum von sechs Monaten verringert. Diese Daten hat Dr. Patrick Vink, Geschäftsführer des Unternehmens Biogen GmbH in Ismaning in Aachen vorgestellt.

213 Patienten mit schubförmiger oder sekundär progredienter Multipler Sklerose und einem EDSS-Score, der den Grad der Behinderung angibt, zwischen null und fünf, haben drei oder sechs Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht des Antikörper Natalizumab oder Placebo intravenös während sechs Monaten erhalten.

Primärer Studienparameter war das Entstehen neuer, Gadolinium-anreichender Läsionen im Gehirn der Patienten. Im Gegensatz zu den Patienten der Placebogruppe, bei denen sich durchschnittlich zehn Läsionen in diesem Zeitraum neu bildeten, waren es in den Verumgruppen im Mittel nur 0,6 bei der niedrigen Dosierung und eine bei der höheren, berichtete Vink bei einer Pressekonferenz zum Neurologen-Kongreß.

Die Patienten, die Placebo erhalten hatten, hatten in dieser Zeit durchschnittlich 34 Schübe, die Studienteilnehmer in den Verumgruppen 14 (6 mg/kg) und 19 Schübe (3 mg/kg). Der EDSS änderte sich während der Therapie nicht.

Das Unternehmen testet den alpha-4-Integrin-Hemmer auch bei Morbus Crohn und will für beide Indikationen in diesem Jahr Phase-III-Untersuchungen starten.

In den USA laufe zudem eine Kombinationsstudie bei MS mit Interferon beta 1a, sagte Vink. Die Substanz werde gemeinsam mit dem Unternehmen Elan entwickelt.

Quelle:
21.11.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


21.11.2001 3 x Seeanemonen-Gift verzögert Multiple Sklerose

Komponente ShK hindert T-Zellen an Zerstörung der Nervenzellen

Das Toxin der karibischen Seeanemone Stichodactyla helianthus kann das Fortschreiten von Multipler Sklerose (MS) verzögern. Forscher der University of California (UC) haben in Zusammenarbeit mit der Universität Marseilles entdeckt, dass die Komponente ShK des Seeanemonengifts Ionenkanäle in den T-Zellen blockiert. Ist das Toxin auch bei Menschen wirksam, könnten neue Medikamente zur Behandlung von Multipler Sklerose folgen.

Christine Beeton und Heike Wulff von der UC hatten zuvor im Rattenversuch mit den T-Zellen die experimentelle Form der Multiplen Sklerose ausgelöst. ShK blockierte bei den aktivierten Zellen die Ionenkanäle. Dadurch wurden die Zellen an der Attackierung des Nervensystems behindert. Gewöhnlich werden unpassend aktivierte Zellen durch das körpereigene Immunsystem zerstört. In vielen Fällen der MS "entkommen" die krankheitsverursachenden Zellen dem Abwehrsystem und greifen Nervenzellen an. Ionenkanäle spielen bei diesem Vorgang eine grosse Rolle, da sie sich an der Oberfläche der Zellen befinden und der Kommunikation zwischen den Zellen sowie der Zellregulierung dienen.
"Die experimentelle Form wird durch T-Zellen mit einer grossen Anzahl bestimmter Ionenkanäle ausgelöst. T-Zellen greifen Neuronen an, was in der Folge zu einer Lähmung führen kann", so Beeton. Werden die Kanäle durch ShK blockiert, schützt dies die Nervenzellen. "ShK hemmt die Kanäle auf den aktivierten T-Zellen am besten. Ihre kurze Lebenszeit im Blut reduziert allerdings die Wirksamkeit in Form eines Medikaments", erklärte Beeton. Die Forscher suchen nun nach ähnlichen chemischen Substanzen, die eine längere Lebensdauer im menschlichen Körper besitzen

Quelle:
21.11.01 -- medpoint.ch -- The Portalsite of the Swiss Health community!


2. QUELLE:


Ein
Das Gift einer karibischen Seeanemone kann das Fortschreiten von Multipler Sklerose verzögern. Christine Beeton und Heike Wulff von der University of California in Irvine und ihre Kollegen entdeckten, dass das Protein ShK aus der Seeanemone Stichodactyla helianthus Ionenkanäle in bestimmten weißen Blutkörperchen, den T-Zellen, blockiert. Die Wissenschaftler hatten mit diesen Zellen bei Ratten die experimentelle Form EAE der Krankheit ausgelöst. Das Gift aus dem Meeresorganismus verhinderte den Angriff der T-Zellen auf Zellen des Nervensystems. In Deutschland sind 120 000 bis 150 000 Menschen von der Autoimmunerkrankung betroffen.

Quelle:
University of California, Irvine Proceedings of the National Academy of Sciences 98(24) (2001)


3. QUELLE:


Ein Baustein des Gifts der Seeanemone lindert schon in geringen Mengen die Symptome von Multipler Sklerose (MS). Darauf deuten Versuche an Ratten. Die natürliche Substanz schützte die Tiere unter anderem vor den bei MS auftretenden Lähmungen, berichten französische und amerikanische Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".


Das Gift der Korallentiere unterbindet die verheerende Fehlreaktion der Immunabwehr bei MS, fanden die Forscher von der Medizinischen Fakultät in Marseille und der Universität von Kalifornien in Irvine. Dabei greifen fehlgeleitete Abwehrzellen die Schutzhüllen von Nervenfasern an und zerstören so bislang unaufhaltsam Gehirn und Rückenmark. Diese Abwehrzellen könne das Seeanemonen-Gift hemmen, schreiben die Forscher.

Quelle:
Bild der Wissenschaft: 21.11.01


20.11.2001 Sogar Patienten mit Autoimmunkrankheiten können von
                     autologer Stammzelltransplantation profitieren


Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis, Systemische Sklerodermie - sind Menschen mit Autoimmunkrankheiten durch die Transplantation körpereigener Stammzellen heilbar? Behandlungsversuche in den vergangenen Jahren waren recht ermutigend. Doch hat das Verfahren auch eine Kehrseite: Unerwartet viele Patienten sind unter der Therapie gestorben. Inzwischen haben weltweit mehrere klinische Phase-III-Studien begonnen.

Zu Therapiebeginn wird das Immunsystem zerstört

Die Idee der autologen Stammzelltransplantation klingt einfach. Das fehlprogrammierte Immunsystem wird zerstört und durch ein neues, sozusagen jungfräuliches Immunsystem ersetzt. Dazu werden zuvor hämatopoetische Stammzellen mit Hilfe eines Zytostatikums und eines Wachstumsfaktors für Granulozyten mobilisiert, eingesammelt und eingefroren. Ist dann das autoaggressive Abwehrsystem per Chemotherapie oder Bestrahlung beseitigt worden, erhält der Patient seine Stammzellen zurück. Nun kann sich eines neues Immunsystem entwickeln.

Die Chance, daß es nicht noch einmal zu einer Autoimmun-Erkrankung kommt, schätzen Kliniker relativ hoch ein. In Untersuchungen bei eineiigen Zwillingen erkrankte nur jeder fünfte Zwilling von einem Menschen mit Autoimmunkrankheit ebenfalls daran. Pilotstudien mit der autologen Stammzelltransplantation bei sieben verschiedenen Autoimmunkrankheiten haben bei den weltweit bisher 390 behandelten Patienten signifikante Verbesserungen des Gesundheitszustandes ergeben.

So lebten zum Beispiel von 85 Patienten mit Multipler Sklerose (MS) 72 Prozent drei Jahre lang progressionsfrei, berichten Professor Alan Tyndall von der Universitätsklinik Basel und seine Mitarbeiter (Ann Rheum Dis 60, 2001, 702). Von 41 Patienten mit Systemischer Sklerodermie verbesserten sich bei 69 Prozent die typischen Hautsymptome. Und von 70 Patienten mit Rheumatoider Arthritis (RA) reagierten fast alle positiv auf die Stammzell-Behandlung, mit teilweise dramatischen Verbesserungen des Zustandes. Allerdings hatten etwa 50 Prozent der behandelten RA-Patienten einen Rückfall.

Was die Forscher nicht erwartet hatten: Die therapiebedingte Mortalitätsrate war zunächst mit durchschnittlich neun Prozent sehr hoch. Bei den Patienten mit Systemischer Sklerose lag sie anfangs sogar bei 17 Prozent. Bei den RA-Patienten wurde nur ein Todesfall bekannt. Waren die Studienteilnehmer möglicherweise schon zu krank? Offensichtlich. Für Patienten in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sei die Methode nicht geeignet, weil zu gefährlich, so die Forscher. Die kritische Phase beginnt mit der Immunablation, wenn also das "alte" Immunsystem zerstört wird. Infektionen waren denn auch die häufigste Todesursache. Andere Patienten starben an Blutungen oder kardialen Komplikationen.

Für die jetzt folgenden großen prospektiven Studien, die nach einheitlichen Kriterien gestaltet worden sind, haben Experten der European Group for Blood and Marrow Transplantation (EBMT), der European League Against Rheumatism (EULAR) und des International Bone Marrow Transplantation Registry (IBMTR) verschärfte Ein- und Ausschlußkriterien definiert. So werden Patienten über 60, mit eingeschränkter Pumpfunktion des Herzens, anderen Herzproblemen oder eingeschränkter Lungenfunktion ausgeschlossen. Außerdem werden bestimmte Scores zur Beurteilung der Schwere der Erkrankung herangezogen und Grenzen zum Einschluß in die Studie festgelegt. Zudem gibt es Detailveränderungen bei den Methoden der Immunablation.

Außer den Phase-III-Studien bei MS, Rheumatoider Arthritis und Systemischer Sklerose sollen auch weitere Phase-I- und Phase-II-Studien bei systemischem Lupus erythematodes, juveniler idiopathischer Arthritis und Vaskulitis gestartet werden.

Eines wird allerdings jetzt schon deutlich: Selbst wenn sich die autologe Stammzelltransplantation als probate Therapie bei Autoimmunkrankheiten herausstellen sollte, muß sie sich noch gegen konservative Therapieoptionen behaupten. Denn auch bei der medikamentösen Therapie hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Erinnert sei an die Erfolge mit Anti-TNF-alpha-Antikörper bei Rheumatoider Arthritis sowie an Interferon-beta bei Multipler Sklerose (die "Ärzte Zeitung" berichtete).

STICHWORT: Transplantation von Blutstammzellen

Hämatopoetische Stammzellen werden zur Behandlung von Patienten mit onkologischen, hämatologischen oder immunologischen Erkrankungen übertragen. Entnommen werden die Zellen dem Knochenmark oder dem peripheren Blut, nachdem sie mit Chemotherapeutika und Wachstumsfaktoren, etwa G-CSF oder GM-CSF, mobilisiert worden sind. Per Leukapherese werden sie von anderen Blutbestandteilen getrennt. Bei der autologen Stammzelltransplantation bekommt der Patient die ihm entnommenen Zellen reinfundiert.

Quelle:
20.11.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


19.11.2001 BSE und MS durch Bakterien?

LONDON - Ein Team englischer Immunologen glaubt, Beweise zu haben, dass BSE und Multiple Sklerose (MS) die gleiche Ursache zugrunde liegt: nicht etwa Prionen, sondern das verbreitete Bodenbakterium Acinetobacter. Vor Jahren konnten die Forscher bereits nachweisen, dass an BSE erkrankte Kühe viel mehr Antikörper gegen Acinetobacter im Blut hatten als nichtinfizierte Artgenossen. Jetzt sind sie vergleichbaren Befunden bei MS-Patienten auf die Spur gekommen. Da diese Bakterien ähnliche Oberflächenstrukturen aufweisen wie Nervenzellen von Menschen, Kühen und anderen Tieren, vermuten die Forscher, dass bei einer Infektion mit Acinetobacter das Immunsystem irrtümlich auch Nervengewebe angreifen und so das Gehirn schädigen könnte.
Führende MS und BSE-Forscher stehen dieser Hypothese aber sehr skeptisch gegenüber, denn sie sagen, dass die Gehirnschäden bei MS- und BSE völlig unterschiedlich aussähen.

Quelle:
Pressemitteilung New Scientist


14.11.2001 Neues aus der Forschung

Bericht zum 7. Europäischen Symposium der Charcot Foundation

Venedig, 18 –20. Oktober 2001. An einem etwas weltentrückten Veranstaltungsort trafen sich führende europäische und US-amerikanische MS-Forscher. Die Veranstaltung war getragen von Pharmafirmen, die in der immunmodulierenden MS Therapie zur Zeit hauptsächlich vertreten sind. Der in den Medien ablesbare Interessenskonflikt wurde hier in ein einmütiges Ziel umformuliert, die Forschung zur Verbesserung der MS-Behandlung voranzutreiben.


Immunglobuline
Mit grossem Interesse wurde die Präsentation der Ergebnisse der ESIMS-Studie erwartet. ESIMS steht für European Study on IVIG Treatment in MS oder zu Deutsch für Europäische Studie über die intravenöse Gabe von Immun-Globulinen bei MS.

Leider waren die Ergebnisse enttäuschend: die untersuchten Zielpunkte, das Voranschreiten der Erkrankung und die Magnetresonanz-Untersuchungen liessen in der Behandlung mit Immunglobulin gegenüber Placebo (Leersubstanz) keinen statistisch signifikanten* Effekt erkennen. Zudem war das Sicherheitsprofil mit einer auffälligen Zahl von Beinvenenthrombosen und Lungenembolien fraglich.

Frühere Studien mit dieser Substanz wurden nur mit kleineren Patientengruppen durchgeführt und bis anhin hat keine Herstellerfirma um eine Zulassung des Medikamentes zur MS-Behandlung nachgesucht.

Die Immunglobulin-Therapie gilt also in der MS-Behandlung weiter als experimentelle Therapie ohne Wirknachweis. Sie ist keine Standard-Therapie und wird auch nicht von den Kassen erstattet. Die 1-Jahresdaten waren zwar erfolgversprechend, später waren Effekte auf die Zielpunkte Progression, Läsionen, Hirnvolumenmessung jedoch nicht mehr ablesbar.

Ist die MS nur eine Krankheit oder verstecken sich hinter der MS mehrere Krankheiten?
Über die ursächlichen Mechanismen, was sich bei der schubförmigen und was sich bei den beiden chronischen Formen der MS im zentralen Nervensystem abspielt, machen die Forscher zur Zeit wieder eine Kehrtwende. Die primär chronisch voranschreitende MS wird nicht mehr als Krankheit für sich angesehen. Der Übergang von schubförmiger in sekundär progrediente MS scheint doch nicht, wie eine Zeitlang angenommen, von einem weiteren schädigenden Mechanismus abzuhängen.

Die Experten sind sich jedoch einig darüber, dass bei allen Formen der MS ein deutlicher Verlust an Nervenfasern das Ausmass der Beeinträchtigung bestimmt. Labortests, die es erlauben würden, den Übergang von der schubförmigen in die chronische Form der MS zeitlich abzupassen, sind nach wie vor nicht zugänglich. Ist eine Neurodegeneration einmal aufgetreten, nimmt die weitere Schädigung, die sich in einer Behinderung ausdrückt, weiter ihren Verlauf, unabhängig vom vorher bestehenden Verlauf.

Die Experten finden mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede bei den beiden chronischen Verlaufsformen, die Verteilung auf Frauen und Männer ist gleich, wobei die letzten rascher in den sekundär chronischen Verlauf kommen.

Magnetresonanzbilder zeigen in primär chronischen Verläufen weniger herdförmige Läsionen, dafür mehr diffuse und vor allem im Rückenmark. Weiterhin ist es jedoch schwierig, direkt aus den MRI-Läsionen den Beeinträchtigungsgrad zu beurteilen. Die MRI-Läsionen in der primär chronisch-progredienten Form scheinen eher in Verbindung mit Aufmerksamkeits-und Gedächtnisstörungen zu stehen als bei der chronischen Verlaufsform nach Schüben.

Interferone und die chronischen Verlaufsformen der MS
Bezüglich der Behandlung der primär-chronischen Verlaufsform mit Betainterferon-1a hat eine kleinere englische Studie mit 49 Patienten keinen signifikanten Effekt auf den Verlauf und die MRI-Läsionen erzielt. Eine spanische Studie mit 72 Patienten unter Betainterferon-1b ist zwar jetzt im September beendet. Ergebnisse über den Effekt des Krankheitsprogression und neuropsychologische Effekte stehen allerdings noch aus. Erstaunlich war die gute Compliance mit 93% der Patienten unter Therapie bis zum Ende. Dies lässt mehr hoffen.

Im Vergleich der nordamerikanischen und der europäischen Studien zu Betainterferon-1b bei sekundär-progredienter MS wurden die signifikanteren Ergebnisse der letzteren nochmals hervorgehoben. Betont wurde, dass Effekte wahrscheinlicher sind, wenn im MRI noch eine Krankheitsaktiviät sichtbar ist.

Dagegen konnte die Studie mit Copolymer 1 bei der sekundär-chronisch-progredienten Form keine Erfolge in den Zielpunkten melden: nach 7-jähriger Beobachtungszeit liess sich kein Langzeiteffekt bezüglich Voranschreiten der MS oder Schüben erkennen.

Was tun, wenn die MS trotz Therapie rasch fortschreitet?
Als Alternativen bei Versagen der Betainterferone oder einer Phase raschen Voranschreitens der Verschlechterung wurden Mitoxantron und Cyclophosphamid in Studienergebnissen vorgestellt.

Die Kardiotoxizität beschränkt allerdings die Anwendungszeit von Mitoxantron. Eine bessere Verträglichkeit diesbezüglich wird bei langsamer Infusiongeschwindigkeit erreicht. Die erste Phase ist eine monatliche Infusion 3 Monate lang, gefolgt von Infusionen alle 3 Monate bis Erreichen der Gesamthöchstdosis. Auffallend ist der lange über die Anwendungszeit hinaus beobachtete positive Effekt dieser Behandlung.

Perspektiven für die Zukunft
Eckpfeiler in der weiteren Behandlung werden immunologische Marker sein, die den klinischen Verlauf wiederspiegeln und die Möglichkeit geben sollen, gezielter bei aktiven Krankheitsphasen eingreifen zu können.

Positive Effekte in der künftigen MS-Therapie werden in der Anwendung monoklonaler Antikörper, Einwirkung auf die Glutamat-Rezeptoren, Myelinwachstums fördernde Substanzen und Antegren-Kombination mit Beta-Interferon erhofft.

Zusammenfassung: Dr. Martina Spycher Interferon-Beratung Zürich

*statistisch signifikant ist ein wissenschaftlicher Ausdruck und meint einen messbaren Unterschied, der nicht zufallsbedingt sein kann.


06.11.2001 Chlamydien zum Sündenbock avanciert --
                     Auch an Asthma und MS beteiligt?


Medical Tribune Kongreßbericht

SAN FRANCISCO - Daß die Chlamydien der Spezies pneumoniae schuld an der
Atherosklerose sein sollen, ist fast schon ein alter Hut. Nun legt man ihnen weitere Delikte zur Last, sie sollen an der Entstehung von Asthma und Multipler Sklerose beteiligt sein.

Chlamydia pneumoniae beschäftigte die Mikrobiologen bei der
39. Interscience Conference on Antimicrobial Agents and Chemotherapy auf 26 Vorträgen und Postern, davon befaßten sich etwa die Hälfte mit Aspekten abseits der Atemwegsinfektionen.

Mit konkreten Ergebnissen konnten die Kollegen allerdings nicht aufwarten. Zwar finden sich immer wieder Hinweise auf eine Beteiligung der Erreger an entzündlichen Prozessen in der Gefäßwand, so in einer niederländischen Studie von B. Maraha, St. Elisabeth Hospital, Tilburg, und einer weiteren von R. Kaul, University of California, Davis. Aber die Ergebnisse der Untersuchungen, in denen man versucht hat, der Atherosklerose durch eine gezielte Antibiose Einhalt zu gebieten, sind nicht einheitlich oder stehen aufgrund der geringen Patientenzahl auf schwachen statistischen Füßen.

Ähnlich vage bleibt die Rolle der Chlamydien bei obstruktiven Atemwegserkrankungen. T. Huittinen aus der Arbeitsgruppe des finnischen
"Chlamydien-Papstes" Pekka Saikku, National Public Health Institute, Oulu, konnte zwar Antigene der Keime häufiger im Sputum und Serum von Asthmapatienten nachweisen als bei Gesunden, aber mit nur 42 Asthmatikern und 23 Kontrollprobanden hält sich die Aussagekraft der Studie in Grenzen.

Schützenhilfe bekam Huittinen von amerikanischen Kollegen um R. M. Roblin, SUNY Health Sciences Center, New York. Sie fanden heraus, daß Chlamydien in der Lage sind, die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine aus menschlichen Monozyten zu stimulieren. Das würde immerhin eine mögliche Erklärung liefern, wie eine latente Chlamydieninfektion zur Entstehung reaktiver Atemwegserkrankungen beiträgt.

Umstritten bleibt die Hypothese um eine Beteiligung der Chlamydien an zentralnervösen Prozessen. Dr. Jens Gieffers, Institut für Medizinische
Mikrobiologie und Hygiene, Universität Lübeck, und Kollegen konnten eine gewisse Vorliebe der Erreger für Nervenzellen aufzeigen, aber ein kausaler Zusammenhang mit MS läßt sich aus ihrer Untersuchung nicht ableiten, zumal - auch diese Untersuchung gerade mal 41 Patienten und 10 Kontrollpersonen umfaßte.

Quelle:
MTD 43 / 1999 S. 5


30.10.2001 Medikament gegen Multiple Sklerose in Sicht

Krankenhäuser in Großbritannien testen derzeit ein Medikament, das bei Zulassung weltweit die erste medikamentöse Behandlungsform gegen Multiple Sklerose (MS) darstellen könnte. Für Patienten mit einer primär
chronisch progredienten Multiple Sklerose gibt es derzeit noch keine Behandlungsmöglichkeit. Diese Form betrifft 15 Prozent aller MS-Erkrankten.

Das Medikament Copaxone wurde im vergangenen Dezember in Großbritannien
ursprünglich zur Behandlung der schubhaften Multiplen Sklerose eingesetzt. Dabei treten zwischenzeitlich Phasen von vorübergehender Stabilisierung oder sogar leichter Besserung auf. Copaxone wird dabei als Alternative zu Beta-Interferon-Medikamenten eingesetzt, um die Zahl der Schübe zu verringern und die Lebensqualität zu verbessern. In
Mäuseversuchen wurden mit Copaxone gute Erfolge erzielt.

"Mäuse sind zwar keine Menschen. Aber wirkt das Medikament bei Menschen nur ansatzweise effektiv wie im Mäuseversuch, bedeutet das für die Behandlung der Patienten ein enormer Fortschritt", erklärte Phil Wood, Medizinischer Direktor von Teva Pharmaceuticals gegenüber BBC Online.

Das Medikament basiert auf drei Aminosäuren und wird 900 Patienten mit
einer primären progredienten Erkrankungsform in Großbritannien, den USA
und Frankreich verabreicht. Mit den ersten Ergebnisse ist in drei Jahren zu rechnen. Sowohl Copaxone als auch Beta-Interferone stehen derzeit unter Kritik in der Behandlung von Patienten mit einer schubhaften MS.

Das National Institute for Clinical Excellence (NICE) hat einstweilig
geraten, beide Medikamente nicht mehr zu verabreichen. Die Kosten der Medikamente stünden mit der Wirksamkeit im Ungleichgewicht. In Laufe dieser Woche wird eine endgültige Empfehlung von NICE erwartet.

Quelle:
Bild der Wissenschaft, 30.10.2001


22.10.2001 Neuer Ansatz zur Therapie der Multiplen Sklerose entwickelt

Eine Forschergruppe von der University of California hat jüngst einen neuen, recht Erfolg versprechenden Therapieansatz gegen Multiple Sklerose entwickelt: Indem die Wissenschaftler im Mausversuch Chemokine inaktivierten, konnten sie erreichen, dass die Krankheitssymptome sich zunächst dramatisch besserten. Sie berichten darüber im Fachmagazin "The Journal of Immunology" (167, 4091- 4097).

Chemokine, bei denen es sich um kleinere Proteine handelt, veranlassen Zellen des Immunsystems dazu, die Markscheiden anzugreifen. Die amerikanischen Forscher um Thomas Lane verabreichten den Mäusen Antikörper gegen die Chemokine CXCL 10 und CXCL 9.

Während die Antiseren gegen CXCL 9 ohne Wirkung blieben, waren die CXCL-10-Antikörper ein sensationeller Erfolg: Der Zerfall der Markscheiden konnte erheblich verlangsamt werden. Darüber hinaus baute
sich sogar neue Myelinsubstanz auf. Das hatte zur Folge, dass sich die
neurologischen Funktionen der Tiere auf ganz dramatische Weise wieder erholten: Zum Beispiel konnten zuvor gelähmte Mäuse plötzlich wieder laufen.

Die positiven Effekte hielten bedauerlicherweise aber nur wenige Tage an. Die kalifornische Arbeitsgruppe führt dies darauf zurück, dass die zur Therapie eingesetzten Antikörper von Kaninchen stammten. Deswegen sei es wahrscheinlich, dass die Antiseren in den Mäusen eine Immunreaktion hervorgerufen hätten, durch die sie neutralisiert wurden. Thomas Lane's Team wiederholt die Versuche aus diesem Grund gerade mit modifizierten Antikörpern.

Richard Ransohoff, Fachmann auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose und der Chemokine vom Lerner Research Institute in Cleveland, Ohio bezeichnete die Experimente der kalifornischen Kollegen als richtungweisend. Allerdings müsse man erst noch herausfinden, ob die Ergebnisse sich auch auf den Menschen übertragen ließen. Außerdem mahnte Ransohoff, mit Chemokinen sorgfältig umzugehen: "Diese Substanzen erhalten notwendige Immunfunktionen aufrecht. Deswegen darf man sie nicht vollständig eliminieren."

Die Multiple Sklerose ist eine ntmarkungskrankheit des Zentralen Nervensystems, die bisher noch nicht eilbar ist. Dadurch dass die Markscheiden der Nervenfasern zerstört werden, verlieren sie ihre Funktionsfähigkeit, was zu immer stärkeren neuronalen Ausfällen und letztlich zum Tod führt.

Dr. Sebastian Messerschmid

Quelle:
Bild der Wissenschaft, 22.10.01


19.10.2001 Opioide lindern neuropathische Schmerzen

Studien mit Oxycodon retard

AACHEN (kas). Entgegen früherer Meinung sind neuropathische Schmerzen nicht opioidresistent. Solche Schmerzen haben etwa Patienten nach Herpes Zoster, Schlaganfall, Rückenmarkverletzungen sowie mit Diabetes oder Multipler Sklerose.


Darauf wies Privatdozent Dr. Thomas-Martin Wallasch aus Berlin auf einem von Mundipharma unterstützten Symposium beim 74. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Neurologie hin.

In einer kontrollierten Studie linderte retardiertes Oxycodon (Oxygesic®) bei Patienten mit Post-Zoster-Neuralgie sowohl Haut- und Dauerbrennschmerz als auch einschießende Attacken. Nach anderen Daten müssen im Schnitt nur 2,5 Patienten mit postherpetischen Neuralgie mit Oxycodon behandelt werden, um bei einem mindestens 50 Prozent Schmerzlinderung zu ereichen ("number needed to treat").

In einer Anwendungsbeobachtung mit 390 Patienten mit neuropathischen Schmerzen unterschiedlicher Genese wurde mit dem Opioid bei 45 Milligramm pro Tag in drei Wochen eine Schmerzreduktion um mehr als 60 Prozent erzielt. Häufigste unerwünschte Wirkung war Obstipation.

Charakteristische neuropathische Schmerzen sind: brennende Spontan- und einschießende Schmerzen sowie übermäßige Schmerzreaktionen auf schwache Reize (Hyperalgesie, Berührungsallodynie). Dies lasse sich testen, indem man mit Watte über den Allodyniebereich fährt, wie Professor Ralf Baron aus Kiel gesagt hat. Die Patienten fühlen dann statt einer Berührung Schmerzen.

Während sich die Hyperalgesie bei durch Nozizeptoren ausgelösten Schmerzen auf die geschädigte Region beschränkt, geht die dynamische Allodynie beim neuropathischen Schmerz über diesen Bereich hinaus. Diese frühzeitige Differenzierung ist wichtig, um zu verhindern, daß die Schmerzen chronisch werden.

Behandelt werden die Patienten etwa mit trizyklischen Antidepressiva, Antikonvulsiva, NMDA- oder GABA-Antagonisten, Capsaicin und neuerdings Opioiden, die auch bei neuropathischem Schmerz wirken.

Quelle:
19.10.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


19.10.2001 Körpereigener Stoff repariert Nervenhüllen

Die Alphaform des körpereigenen Zellstoffs Tumor-Nekrose-Faktor (alpha-TNF) kann beschädigte Nervenhüllen reparieren. Das haben Wissenschaftler der University of North Carolina in Chapel Hill mithilfe von Versuchen an gentechnisch veränderten Mäusen herausgefunden. Ihre Erkenntnisse könnten neue Wege bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Multiple Sklerose erschliessen.

Der Zellstoff alpha-TNF ist in Expertenkreisen durchaus bekannt. Je
nachdem, wo und in welcher Dosis er ausgeschüttet wird, beeinflusst er Entzündungsprozesse, hemmt das Zellwachstum oder fördert die Immunabwehr und Wundheilung. Seine Rolle als Nervenkitt dagegen wurde erst jetzt nachgewiesen.

Die Forscher um Jenny Ting hatten Mäuse gezüchtet, deren Gen für die alpha-TNF-Ausschüttung nicht funktioniert. Anschließend verabreichten
sie diesen Mäusen und deren Artgenossen mit intakten Genen ein Gift, das wie bei Multipler Sklerose die fettige Ummantelung der Nerven beschädigt. Allein die Mäuse mit funktionstüchtigen Genen konnten den Schaden an der Nervenhülle beheben. Ein ausführlicher Bericht der Untersuchungen der Forscherteams wird in der Novemberausgabe der Fachzeitschrift Nature Neuroscience zu lesen sein.

Zerstörte Nervenhüllen zählen zum Krankheitsbild von Multiple-Sklerose-Patienten und sind für eine gestörte Impulsübertragung zwischen den Nerven verantwortlich. Dennoch warnt die Mikrobiologin Ting vor übertriebenen Hoffnungen: "Wir sind weit davon entfernt, mir unserem Wissen Patienten direkt helfen zu können."

Quelle:
19.10.01 – Bild der Wissenschaft


18.10.2001 Inaktivierung von Chemokinen vielversprechend

Wissenschaftlern der University of California ist es in Laborversuchen gelungen, das Fortschreiten von Multipler Sklerose (MS) bei Mäusen zu stoppen und vorhandene Symptome teilweise wieder rückgängig zu machen. Die Inaktivierung von Schlüsselchemikalien des Immunsystems, so genanten Chemokinen, kann laut New Scientist den Schaden stoppen, den MS der schützenden Beschichtung von Nerven in Gehirn und Rückenmark zufügt. Diese Schädigung der Myelinscheide ist für eine Vielzahl von Krankheitssymptomen wie Gefühllosigkeit, Schwäche und Lähmung verantwortlich.

Frühere Studien haben nachgewiesen, dass die Hirnflüssigkeit im
zentralen Nervensystem von MS-Patienten häufig abnorm hohe Chemokin-Werte aufweist. Diese Chemikalien spielen eine entscheidende Rolle bei der Moblisierung des Immunsystems gegen das Myelin. Unter der Leitung von Thomas Lane untersuchte das Team, ob ein gezieltes Vorgehen gegen die Chemokine oder die sie erkennenden Rezeptoren den Angriff auf das Myelin verlangsamen oder sogar stoppen kann, berichtet das Journal of Immunology .
Die Forscher schufen Antikörper, die sich an das Chemokin CXCL10 binden und es inaktivieren. CXCL10 wurde ausgewählt, da seine Werte während eines MS-Anfalles auffällig ansteigen. Die Injektion der Antikörper führte bei Mäusen mit einer MS-ähnlichen Erkrankung zu einer Verlangsamung der Demyelisation und schien sogar ein Nachwachsen des Myelin zu ermöglichen. Bereits gelähmte Tiere konnten in der Folge wieder gehen. Die Umkehrung der Symptome war jedoch nicht vollständig.
Die erzielte Wirkung hielt trotz wiederholter Injektionen nur einigeTage lang an. Eine mögliche Erklärung dafür könnte die Herkunft der CXCL10 Antikörper sein. Sie stammten von Kaninchen und dürften daher eine neutralisierende Immunreaktion hervorgerufen haben. Derzeit wiederholt das Team die Tests mit einer neuen Antikörper-Version. Teams anderer Universitäten und Pharmaunternehmen arbeiten im Augenblick an der Erforschung von insgesamt sieben Chemokinen und fünf verschiedenen Chemokin-Rezeptoren.

Quelle:
18.10.01 -- medpoint.ch -- The Portalsite of the Swiss Health community!


18.10.2001 Bei MS sind Folgen der Behinderung das Teuerste

Neurologe plädiert für frühe immunmodulatorische Therapie, wodurch Schübe und Behinderungen verzögert werden

AACHEN (nsi). Eine repräsentative Querschnittuntersuchung zum Nutzen einer Therapie bei Multipler Sklerose hat ergeben: Die Medikamente machen nur sieben Prozent der durchschnittlichen Kosten von 65 500 DM jährlich aus, die ein Patient verursacht. Den Löwenanteil - 43 Prozent - verursachen indirekte Kosten: Folgen der Behinderung.


Die Ergebnisse der Studie hat Professor Peter Rieckmann von der Neurologischen Universitätsklinik Würzburg beim Neurologen-Kongreß in Aachen vorgestellt. Bei der von dem Unternehmen Schering unterstützten Studie sind die Fragebögen von 737 MS-Patienten ausgewertet worden. Schwerpunkte des Fragebogens waren Ressourcenverbrauch und Lebensqualität. Die mittleren Gesamtkosten pro Patient und Jahr betragen derzeit in Deutschland 65 573 Mark, berichtete Rieckmann - bei 120 000 Kranken 7,85 Milliarden DM.

Die Kosten setzen sich zusammen aus 43 Prozent indirekten Kosten, die vor allem auf vorübergehendem Arbeitsausfall und frühzeitiger Berentung beruhen. Die weitaus kleineren Anteile entstehen durch Dienstleistungen wie Haushaltshilfe, Kinderbetreuung, durch Kosten für Krankenhausaufenthalte (zehn Prozent) und ambulante Betreuung (sieben Prozent) sowie für Medikamente (sieben Prozent). Die Ausgaben steigen mit dem Behinderungsgrad. Auf einen Rollstuhl angewiesene Patienten verbrauchen pro Jahr 119 750 DM.

Primär gelte es aus ethischen Gründen, die Entwicklung von Behinderungen mit Interferonen zu verzögern, sagte Rieckmann auf der Pressekonferenz des Unternehmens Schering. Der Neurologe plädierte für eine frühe immunmodulatorische Therapie, durch die nach bisherigen Daten Schübe und Behinderungen hinausgezögert werden können - auch schon bei Patienten mit ersten, auf eine MS hinweisenden neurologischen Störungen und typischen MRT-Befunden, bei denen die klinische Diagnose einer MS, die zwei MS-Schübe voraussetzt, noch nicht gestellt ist.

Anders als etwa bei Alzheimer-Demenz äußerten sich die ersten MS-Schübe, wenn die Degeneration von Hirngewebe noch nicht weit fortgeschritten sei, sagte Rieckmann. Die These, daß eine frühe Therapie hilft, soll jetzt in einer doppelblinden Studie mit mehr als 400 Patienten aus Europa und den USA mit einer hohen Dosis von Interferon-beta-1b (Betaferon®), nämlich acht Millionen Einheiten subkutan alle zwei Tage, gegen Placebo überprüft werden. Derzeit werden Patienten, die eine erste, auf MS hindeutende Episode hinter sich haben, bei denen noch MS klinisch noch nicht diagnostiziert worden ist, in die Benefit-Studie (Betaferon® in Newly Emerging MS For Initial Treatment) aufgenommen.

Quelle:
18.10.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit



10.10.2001 Natalizumab - ein Silberstreif am Horizont?

Ein Medikament durchläuft, bevor es in Klinik oder Praxis zur Anwendung kommt, verschiedene Testphasen. Man bezeichnet diese als Phasen I bis III.

Anlässlich des MS-Kongresses vom 12. bis 15. September 2001 in Dublin stellte Prof. Georg Rice aus London Ontario (Canada) die Resultate einer Phase II Studie mit Natalizumab (Antegren) vor. Es waren die Ergebnisse einer Studie* mit 213 MS-Betroffenen mit schubförmigem oder schubförmig sekundär progredientem Verlauf. Die Patienten wurden monatlich entweder mit 3 oder 6 mg pro kg Körpergewicht Natalizumab oder mit Plazebo behandelt. Die Therapiedauer betrug 6 Monate, die Nachbeobachtungszeit weitere 6 Monate.

Mit der Untersuchung wollte man prüfen, ob die Therapie einen hemmenden Effekt auf die bei MS typischen Entzündungsprozesse im zentralen Nervensystem hat und wie gut die Verträglichkeit des Medikamentes ist.

Die bisherigen Resultate sind hoffnungsvoll: So konnte die im MRI sichtbare Krankheitsaktivität deutlich gesenkt werden. Hingegen noch nicht eindeutig feststellbar war der Einfluss des Medikamentes auf die Schubhäufigkeit. Das Medikament wurde als verträglich und sicher eingestuft, es wurden keine gravierenden Nebenwirkungen festgestellt.

Gemäss Aussagen der verantwortlichen Forscher soll das Medikament schon bald in die Phase III der klinischen Entwicklung übergehen. Zdem soll geprüft werden, ob allenfalls eine Kombination von Natalizumab mit beta-Interferon sinnvoll wäre.

Natalizumab gehört zu einer neuen Arzneimittelgeneration, bei der versucht wird möglichst präzise auf die Fehlreaktionen des Immunsystems bei der MS zu antworten. Natalizumab ist ein monoclonaler Antikörper, der spezifisch in die MS-fördernden Prozesse des Immunsystems eingreift und dadurch bestimmte entzündungsauslösende Immunreaktionen hemmen kann.

*doppelblinde, randomisierte und plazebo-kontrollierte Phase II-Studie

Quelle:
ECTRIMS - Late Breaking News (G. Rice), Dublin 12.-15. Sept. 2001


09.10.2001 Neues MS-Medikament in der Testphase: Antegren®

Im September 2001 wurde am europäischen MS-Kongress ECTRIMS in Dublin ein neuer Wirkstoff vorgestellt. Antegren® (Natalizumab), ein monoklonaler Antikörper gegen gewisse Oberflächeneiweisse (alpha-4 Integrine) von Abwehrzellen, wurde speziell dafür entwickelt, auto-agressive weisse Blutkörperchen daran zu hindern, die schützende Blut-Hirn-Schranke des Gehirns zu durchdringen. Bewährt sich dieses Wirkstoffprinzip in weiteren klinischen Studien, könnten für MS typische Entzündungsvorgänge unterbunden werden, bevor die Nervenzellen und -Hüllen des Gehirns grösseren Schaden nehmen.

In der präsentierten klinischen Phase II-Studie waren 213 MS-Patienten mit schubförmiger oder sekundär-progredienter MS an 26 Studienzentren in USA, Kanada und England für 6 Monate behandelt worden. Je etwa ein Drittel der Teilnehmer erhielten alle 4 Wochen eine Kurz-Infusion mit Plazebo (ohne Wirkstoff), einer mittleren (3mg/kg) oder einer hohen Dosis Natalizumab (6mg/kg). Die Auswertung der Gehirn-Magnetresonanz-Bilder der Teilnehmer zeigte, dass der Wirkstoff die Gesamtzahl neuer MS-Entzündungsherde über diese 6 Monate im Vergleich zur Scheinbehandlung signifikant und drastisch senkte. Obwohl die Studie nicht dafür angelegt war, zeigte sich auch eine signifikante Verminderung der Schübe unter der Behandlung.

Offen bleibt zur Zeit, in welchem Ausmass Antegren® die Anzahl Schübe auch auf längere Sicht reduzieren bzw. zunehmende Behinderung aufschieben kann. Beiden Fragen muss in weiteren klinischen Tests mit längerer Behandlungsdauer und grösserer Teilnehmerzahl nachgegangen werden. Zwei grosse internationale Studien werden z.Z. auch mit Schweizer Beteiligung geplant und werden voraussichtlich Ende Jahr beginnen:
Einerseits soll die Wirksamkeit von Antegren® als Monotherapie in einer grösseren Phase III-Studie belegt werden und anderseits wird eine Kombinations-Behandlung mit Interferon beta-1a (AvonexT) geprüft. An einer, evtl. auch an beiden Studien, beteiligen sich voraussichtlich die Neurologische Universitäts-Poliklinik des Kantonsspitals Basel (Prof. L. Kappos) und die Neurologische Poliklinik des Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV; Frau Dr. M. Schluep) als Prüfzentren.
Antegren® ist derzeit nur im Rahmen von klinischen Studien erhältlich.

Quelle:
09.10.01 – Newsletter der SMSG


11.09.2001 Kühlende Kleidung macht MS-Kranken das Leben leichter

Bei tiefen Temperaturen geht es den meisten an Multipler Sklerose (MS) erkrankten Menschen deutlich besser. Wissenschaftler um Jacques De Keyser vom University Hospital Groningen haben jetzt die Wirkung von stark kühlender Kleidung auf die Symptome der Krankheit nachweisen können. Zudem fanden sie einen Einfluss auf biochemische Prozesse.

Wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Neurology berichten, haben die niederländischen Forscher zehn MS-Patienten mit sieben Grad kalter Weste und Mütze ausstaffiert. Bereits nach einstündiger Körperkühlung zeigten sich deutliche Effekte: Die Muskelkraft der Probanden steigerte sich um durchschnittlich 20 Prozent, ihr Gleichgewichtsempfinden verbesserte sich um ein Zehntel und sie fühlten sich einfach wacher.

Die Wissenschaftler untersuchten auch das Blut der Patienten. Das Ergebnis: Die Konzentration an Stickstoffmonoxid war drei Stunden nach dem Experiment gut 40 Prozent niedriger als vorher. Stickstoffmonoxid soll nach Annahme von Experten an der Kontrolle der Neuronenaktivität MS-Kranker beteiligt sein.

Projektleiter De Keyser misst diesem Teil der Untersuchungen besondere Bedeutung bei: "Entgegen der allgemeinen Annahme, kann die wohltuende Wirkung der kalten Kleidung nicht einfach mit einer direkten Kühlung des Zentralen Nervensystems erklärt werden." Weitere Untersuchungen sollen die Bedeutung von Stickstoffmonoxid für die Intensität der Krankheitssymptome im Detail klären. Sollte das gelingen, ist auch die Entwicklung von Medikamenten denkbar, die die kühlende Kleidung simulieren. Sie müssten nur die entsprechenden biochemischen Prozesse in Gang bringen.

Quelle:
11.09.01 – Bild der Wissenschaft


06.09.2001 Die Hoffnung wächst

Es gibt inzwischen wirksame Mittel gegen MS - aber Streit mit den Kassen um die Bezahlung

Zunächst waren es nur leichte Unsicherheiten beim Gehen, später stürzte der junge Wissenschaftler schwer und brach sich das Knie. Dann kam die Diagnose: Multiple Sklerose. Die Sprache wurde stockend, die Schübe wurden zahlreicher, der Kranke blieb zu Hause. Seine Frau arbeitete im Büro, er kümmerte sich um die beiden Kinder. Die Familie hielt zusammen, doch die Krankheit verschlimmerte sich, bald wird der jetzt 45-Jährige im Rollstuhl sitzen.

Multiple Sklerose hat viele Gesichter. Warum die Autoimmunkrankheit ausbricht, weiß man bis heute nicht genau. Fest steht, dass das Immunsystem falsch programmiert ist und den eigenen Körper attackiert. Die Schutzschicht, die die einzelnen Nervenfasern umhüllt, das so genannte Myelin, geht nach und nach kaputt. Nervenimpulse können nicht mehr richtig weitergeleitet werden. Der MS-Kranke spürt beispielsweise unangenehmes Kribbeln, er kommt vermehrt ins Stolpern oder fängt an, schlechter zu sehen. Seh- und Sprachstörungen, Schwindel, Taubheitsgefühl oder Lähmungserscheinungen sind einige typische Symptome der Krankheit.

Zweieinhalb Millionen Betroffene

Weltweit sind etwa zweieinhalb Millionen Menschen von Multipler Sklerose betroffen, in Deutschland schätzungsweise 120 000, Frauen zweimal häufiger als Männer. Die Krankheit, die meist im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren ausbricht, verläuft individuell sehr unterschiedlich. Nicht selten bilden sich die Anfangssymptome wieder zurück oder es verbleiben nur geringe Beeinträchtigungen. Am Ende muss nicht unbedingt der Rollstuhl stehen. Nur rund die Hälfte der Patienten sind nach etwa fünfzehn Jahren so behindert, dass sie Unterstützung beim Laufen brauchen. Selbst wenn schwere Behinderungen ausbleiben, bringt die Ungewissheit über den weiteren Verlauf große Belastungen für Betroffene und Angehörige mit sich.

Seit langem ist bekannt, dass Multiple Sklerose im Wesentlichen in zwei unterschiedlichen Formen verlaufen kann. Die meisten Kranken erleben in der Anfangsphase wiederkehrende Schübe, zwischen denen sich die Symptome jedoch teilweise oder vollständig zurückbilden können. Nicht selten bleiben aber im Nervengewebe Narben zurück (Sklerosen). Vier von fünf Betroffenen kommen später in den "sekundär progredienten" Verlauf, bei dem die Schübe seltener werden und schließlich ganz ausbleiben. Es gibt aber auch Patienten, die von Anfang an gar keine Schübe bekommen. Bei dieser "chronisch progredienten" Form nimmt die Behinderung stetig zu.

Nach dem Umstand, ob Schübe auftreten oder nicht, und in welcher Phase der Krankheit sich der Patient befindet, richtet sich auch die Therapie. Schwierig ist zunächst einmal die Diagnose, da die Beschwerden anfangs relativ unspezifisch sein können. Die Symptome könnten auch auf andere Leiden zurückgehen. Die Klärung beginnt mit gründlichen neurologischen Untersuchungen. Computertomographie kann andere Erkrankungen des Nervensystems ausschließen. Die meisten Erkenntnisse bringt die Kernspintomographie. Bei Verdacht auf Multiple Sklerose wird das Nervenwasser, auch Liquor genannt, auf bestimmte Eiweißstoffe untersucht, die auf Entzündungen des zentralen Nervensystems hindeuten.

"Eine kausale Therapie gibt es nicht", sagt Peter Schwoerer, Leiter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen in Baden-Württemberg und Berater der Berliner AOK. Während oder nach den Schüben wird seit vielen Jahren das entzündungshemmende Kortison eingesetzt. Wirksamer in den Verlauf der Krankheit greifen so genannte Beta-Interferone ein. Als erstes Medikament erhielt 1995 "Betaferon" die Zulassung für die Behandlung des schubförmigen Verlaufs. Später kamen "Avonex" und "Rebif" dazu. Die Zulassung ist beschränkt auf Patienten, die noch gehfähig sind. Als einziges Interferon wurde Betaferon 1999 auch für den chronisch-progredienten Verlauf zugelassen. Beta-Interferone sind in der Lage, die Schübe und die Zahl der Verletzungen im Gehirn (Läsionen) zu reduzieren. Nebenwirkungen sind fieberähnliche Symptome oder Hautreizungen an der Einstichstelle.

Ein weiteres Mittel ist "Glatirameracetat" (COP-1), ein Gemisch aus Aminosäuren mit dem Handelsnamen Copaxone. Das in den USA, Schweiz oder England zugelassene Medikament deckt weitgehend denselben Bereich ab wie die Interferone. Für Deutschland wird die Zulassung zum Jahresende erwartet. Für den schubförmigen Verlauf und die sekundär-progrediente Form ist in den USA zudem "Mitoxantron" (Handelsname "Novantron"), zugelassen. In Deutschland ist dieses Präparat nicht für die Therapie der Multiplen Sklerose zugelassen, ebenso wenig wie die "Immunglobuline", die aus menschlichem Blut gewonnen werden.

Streitfall Immunglobuline

Immunglobuline spielen eine wichtige Rolle im menschlichen Immunsystem. Patienten mit einem entsprechenden Defizit erhalten diese Substanzen als Ausgleich. Die Wirksamkeit bei Multipler Sklerose ist nach Meinung der Krankenkassen bisher nicht ausreichend belegt. Die Arbeitsgruppe "Arzneimittel" weist zudem auf möglicherweise schwere Nebenwirkungen hin, die jedoch in anderer Form auch bei den übrigen Medikamenten auftreten könnten.

In letzter Zeit gab es in Berlin Streit um die Bezahlung von Multiple Sklerose-Medikamenten. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), die die Interessen von Betroffenen vertritt, warf einigen Kassen vor, die bisherige erfolgreiche Therapie nicht mehr zu bezahlen. Die Fälle würden immer mehr zunehmen. Es geht dabei um "Copaxone", "Mitoxantron" und insbesondere um die Immunglobuline. Vor allem für MS-Erkrankte mit Kinderwunsch, Frauen und Männer, sei dieses Mittel wichtig, sagt Ilona Nippert, Geschäftsführerin der DMSG. Auch während der Schwangerschaft kämen Beta-Interferone wegen der Nebenwirkungen nicht in Frage.

"Beta-Interferone sind die Mittel erster Wahl", betont Schwoerer den Standpunkt der Kassen. Erst wenn diese Medikamente nicht wirkten, kämen die übrigen zugelassenen und verkehrsfähigen Präparate in Frage. Die Entscheidung müssten die Ärzte zusammen mit den Patienten treffen. Die Mittel würden von den Kassen auch bezahlt. Die verschiedenen Präparate sind im übrigen nahezu gleich teuer. Die jährlichen Kosten liegen etwa bei 30 000 Mark.

Problematisch sieht Schwoerer die Immunglobuline, da Wirkung und Nebenwirkungen nicht ausreichend durch Studien belegt seien. "Wenn allerdings die bewährten Therapien nicht vertragen werden und Krankheitsverlauf sowie Stand der Behinderungen es erlauben, sind so genannte Heilversuche möglich". Die Heilversuche müssten durch den medizinischen Dienst genehmigt und klar dokumentiert werden.

Quelle :
Wissen & Forschen, 06.09.01


02.09.2001 Botulinum-Toxin -- Das stärkste bekannte Gift macht Karriere als Medizin

Das als Auslöser tödlicher Vergiftungen gefürchtete Botulinum-Toxin findet immer häufiger als Heilmittel Anwendung. Es entspannt verkrampfte Muskeln aller Art und hilft gegen Falten, übermässige Schweisssekretion und bestimmte Kopfschmerzen.

[ap/sus] - Wie das Fachblatt "Gesundheit" berichtet, gilt das von Bakterien der Art Clostridium botulinum produzierte Toxin als das stärkste natürliche Gift.

Erstmals in der Medizin eingesetzt wurde es 1981, als amerikanische Augenärzte Schielstellungen der Augen, den so genannten Strabismus, behandelten. Heute gibt es für das Toxin nach Angaben der Experten bereits mehr als 50 Anwendungsgebiete. Seit neuestem gehen Forscher Hinweisen nach, dass das Gift generell Entzündungen und Schmerzen auf noch weitgehend unbekanntem Weg bekämpfen kann.

Bereits jetzt wird Botulinum mit grossem Erfolg gegen Spannungskopfschmerzen eingesetzt, an denen in Deutschland allein 2,4 Millionen Menschen leiden. Es wirkt, indem es besonders verhärtete Stellen in der Kopf- und Nackenmuskulatur entspannt. Da das Toxin möglicherweise auch so genannte Schmerzmediatoren wie die Substanz P in Rückenmark und Hirn blockiert, wird es derzeit auch gegen Migräne und den gefürchteten Cluster-Kopfschmerz eingesetzt.

Doch unabhängig vom Nutzen dieses Giftes zählen die Bakterien nach wie vor zu den gefährlichsten Erregern schwerer Lebensmittelvergiftungen. Bei einer Botulismus-Infektion treten zwölf bis 36 Stunden nach Aufnahme des Bakteriengiftes Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung sowie neurologische Symptome auf. Dabei kann es zu Mundtrockenheit, Seh- und Schluckstörungen und Lähmungen kommen. Den Patienten, die bei vollem Bewusstsein bleiben, muss möglichst schnell ein Gegengift verabreicht werden. Meist ist auch eine intensivmedizinische Behandlung notwendig.

Quelle:
02.09.01 – ??


29.08.2001 Amoklauf der Abwehrzellen verhindern

Hirnerkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), Hirnhautentzündung oder Schlaganfall haben oft langfristige Schäden wie Lähmungen oder intellektuelle Einbussen zur Folge. Verursacht werden Sie durch eine übermässige Entzündungsreaktion des Gehirns, die das empfindliche Nervengewebe schädigen oder gar zum Tod führen kann. Den Wegbereitern dieser Überreaktion ist ein Forscherteam der Universitäten Basel und Bern auf der Spur.

Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Krankheiten des Nervensystems" des Schweizerischen Nationalfonds untersucht das Forscherteam eine Gruppe von Eiweissen, so genannte Matrix-Metalloproteinasen, welche die Blut-Hirn-Schranke öffnen und damit Abwehrzellen ins Hirngewebe eindringen lassen. Werden diese Eiweisse bei einer bakteriellen Hirnhautentzündung medikamentös gehemmt, dann sind Sterblichkeit und Hirnschäden geringer.

Dies konnten die Forscher am Beispiel junger Ratten zeigen. Das Gehirn ist ein sehr verletzliches Organ. Deshalb sind seine Blutgefässe gut abgedichtet, und nur wenige Stoffe gelangen vom Blut ins Nervengewebe. Diese relative Undurchlässigkeit, auch Blut-Hirn-Schranke genannt, wird bei verschiedenen Hirnerkrankungen aufgelöst, damit Abwehrzellen ins Nervengewebe eindringen und Infektionen bekämpfen können. An sich ist dies ein sinnvoller Prozess, doch manchmal schiesst diese Entzündungsreaktion über das Ziel hinaus, und das Nervengewebe nimmt dauerhaften Schaden, wie der Neurologe und MS-Forscher David Leppert von der Universität Basel sagt. Diese Überreaktion tritt bei verschiedenen Krankheiten des Nervensystems auf, sowohl bei chronischen Autoimmunerkran-kungen wie der Multiplen Sklerose als auch bei akuten Infektionskrankheiten wie den bakteriellen Hirnhautentzündungen. David Leppert arbeitet deshalb mit dem Infektiologen Stephen Leib von der Universität Bern zusammen. Unterstützt wird das interdisziplinäre Projekt vom Nationalen Forschungsprogramm "Krankheiten des Nervensystems" des Schweizerischen Nationalfonds. Eine Schlüsselrolle bei der entzündlichen Überreaktion im Gehirn spielt eine Gruppe von Eiweissen, so genannte Matrix-Metalloproteinasen (MMPs). Dies haben neueste Ergebnisse des Forscherteams gezeigt. Erhalten junge Ratten bei einer Hirnhautentzündung MMP-hemmende Medikamente, dann sind ihre Hirnschäden geringer, die Entzündung ist schwächer und die Tiere überleben häufiger. Untersucht haben die Forscher die Grosshirnrinde und das Lernzentrum (Hippocampus) - Bereiche, welche auch bei Kindern mit Hirnhautentzündung geschädigt werden. Bis zu einem Drittel von ihnen leiden später an dauerhaften Störungen beispielsweise an Hörverlusten, Lernstörungen, Lähmungen oder Epilepsie.

Schwelbrand im Gehirn

Auch bei der Multiplen Sklerose haben die Forscher Hinweise auf eine Beteiligung der Matrix-Metall-oproteinasen gefunden: Sie konnten zeigen, dass Interferonbeta, das wirkungvollste MS-Medikament, eine hemmende Wirkung auf MMPs hat, Patienten mit MS haben konstant erhöhte Konzentrationen dieser Eiweisse in der Hirn-Rückenmark-Flüssigkeit und im Hirngewebe selbst. Ein Resultat, das David Leppert zu denken gibt: "Dies bedeutet, dass im Gehirn auch ausserhalb der Krankheitsschübe, ein anhaltender 'Schwelbrand' abläuft. Da.die Krankheit immer aktiv ist, muss sie chronisch behandelt werden, was besonders hohe Ansprüche an die Verträglichkeit eines Medikaments stellt." Verschiedene MMP-Hemmer werden bereits heute zur Behandlung von chronischer Arthritis und Krebs klinisch getestet. Eine kurzzeitige Therapie mit den heute verfügbaren MMP-Hemmern, z.B. bei einer Hirnhautentzündung, ist kaum ein Problem, eine langfristige hingegen könnte Nebenwirkungen haben", sagt Stephen Leib. Deshalb ist es erklärtes Ziel der Forscher, genau herauszufinden, welche Typen von MMPs bei der jeweiligen Krankheit aktiviert werden, um möglichst spezifische und somit nebenwirkungsfreie Medikamente zu entwickeln.

Quelle:
Die Südostschweiz (Höfner Volksblatt, Wollerau), Ausgabe vom 29. August 2001


03.07.2001 Neuer pathogenetischer Mechanismus bei MS entdeckt?

Heat-shock Proteine könnten als Autoantigene eine wichtige Rolle bei der Entstehung der MS spielen

Streß- oder Heat shock-Proteine werden physiologischerweise im Gewebe des Zentralen Nervensystems exprimiert. Ihr Vorhandensein dürfte Zellen wie Oligodendrozyten, Astrozyten und Neurone vor verschiedenen Streßfaktoren wie Hypoxie, Anoxie und zu starker exzitatorischer Stimulation schützen. Heat shock-Proteine werden auch vermehrt bei akuten toxisch-metabolischen Zuständen und bei chronisch degenerativen und entzündlichen Erkrankungen gebildet. Diese vermehrte Expression könnte aber auch Immunantworten gegen diese Proteine induzieren. Birnbaum et al. berichten in einer in den Annals of the New York Academy of Sciences erschienenen Arbeit über einen möglichen Zusammenhang zwischen diesen Proteinen und der Entstehung der MS.
Zelluläre Immunantworten gegen Heat shock-Proteine kommen bei Patienten mit multipler Sklerose häufiger und in einer größeren Intensität vor - dies gilt vor allem für jene Patienten, die früh erkranken. Darüber hinaus gibt es bei manchen MS-Patienten verschiedene Populationen von T-Zellen, die gamma/delta-Antigen Rezeptoren im Gehirn und in der Rückenmarksflüssigkeit ausbilden. Dies läßt darauf schließen, daß eine in situ Immunantwort auf diese Heat shock-Proteine stattfindet.
Die Forscher schließen aus den ihnen vorliegenden Daten, daß es zwischen den z.B. durch Infektionen gebildeten Heat shock-Proteinen zu einer Kreuzreaktion mit dem Myelin des ZNS kommt. Dies könnte zur Demyelinisierung bei der Multiplen Sklerose führen.

Quelle:
03.07.2001; MedAustria / Annals of the New York Academy of Sciences, 1997; 835


02.07.2001 PRISMS-Studie3

Kundeninformation:
ERGEBNISSE DER VIERJAHRESSTUDIE VON REBIF® IM BRITISCHEN FACHMAGAZIN NEUROLOGY VERÖFFENTLICHT
Serono-Studie erbringt die "bislang überzeugendsten Belege, dass bei Patienten mit schubförmig verlaufender Multipler Sklerose unter Behandlung mit Interferon beta seltener eine permanente Behinderung
auftritt"1

Genf, Schweiz, 28. Juni 2001 - Serono S.A.
(SWX Swiss Exchange: SEO und NSYE: SRA)

In seiner neuesten Ausgabe publiziert das Wissenschaftsmagazin
Neurology2die Ergebnisse der PRISMS-Studie3, einer umfassenden Vierjahresstudie zum Einsatz von Interferon beta-1a (Rebif®, Serono) bei der Behandlung der schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose (RRMS - Relapsing-Remitting MS). Die Resultate der Vierjahresstudie mit 560 Patienten sprechen einmal mehr für den Einsatz von Rebif® in hohen Dosen (44 mcg) dreimal wöchentlich. Darüberhinaus erbringt die Studie Belege, dass der therapeutische Nutzen umso grösser ist, je früher mit der Behandlung begonnen wird.

Wie Neurology 1 in einem Begleitkommentar vermerkt, erbringt die PRISMS-Studie die "bislang überzeugendsten Belege, dass bei Patienten mit schubförmig verlaufender Multipler Sklerose unter Behandlung mit Interferon beta seltener eine permanente Behinderung auftritt." Wie aus den Studienergebnissen hervorgeht, wiesen Patienten, die während des gesamten vierjährigen Prüfzeitraums hochdosiertes Rebif® erhalten hatten, einen geringeren Behinderungs- und Invaliditätsgrad auf, als Patienten, die mit niedrigdosiertem Rebif® oder mit Placebo behandelt worden waren. Patienten, die in den ersten beiden Jahren der Studie Placebo erhalten hatten, konnten den Rückstand bei der Krankheitsverzögerung nicht mehr aufholen.

Die Zweijahresergebnisse der PRISMS-Studie wurden 1998 im Fachblatt The Lancet4veröffentlicht. Die unerwünschten Nebenwirkungen während des dritten und vierten Jahres der Studie waren denen, die in den ersten zwei Jahren beobachtet wurden, vergleichbar. Am häufigsten waren Entzündungen an der Injektionsstelle und grippeähnliche Symptome zu verzeichnen.

Die Befunde von PRISMS bildeten die Grundlage für die Zulassung von Rebif® in weltweit 67 Ländern. In den USA ist Rebif® gegenwärtig nicht zugelassen, da ein Konkurrenzprodukt den Status einer Orphan-Drug innehat.

Zu Beginn dieses Jahres gab Serono bekannt, dass das CPMP5der Europäischen Kommission die höchstmögliche Dosierung von Rebif® (44 mcg dreimal wöchentlich) als Therapie der ersten Wahl (verglichen mit 22 mcg dreimal wöchentlich) für Patienten mit schubförmiger MS empfohlen hatte, die mit Rebif® behandelt werden.

Hintergrund

Die Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste Erkrankung des zentralen Nervensystems bei jungen Erwachsenen. Weltweit sind schätzungsweise bis zu zwei Millionen Menschen davon betroffen, 450 000 allein in Europa.

Rebif® ist derzeit das meistverschriebene Medikament für Patienten ausserhalb der USA, bei denen MS neu diagnostiziert wird. Im Jahr 2000 erzielte Rebif® einen Umsatz von weltweit USD 254 Millionen.

Bitte beachten Sie weitere Einzelheiten zu den Ergebnissen der PRISMS-Studie während der vierjährigen Prüfphase im Anhang.

Über Serono

Serono ist ein weltweit führendes Biotechnologie-Unternehmen mit Hauptsitz in Genf in der Schweiz. Das Unternehmen hat sechs rekombinante Produkte auf dem Markt: Gonal-F®, Luveris®, Ovidrel®, Rebif®, Serostim® und Saizen® (Rebif® und Luveris® sind in den USA nicht zugelassen.) Neben der weltweit führenden Stellung auf dem Gebiet der Behandlung der Unfruchtbarkeit behauptet Serono auch eine starke Marktposition in den therapeutischen Bereichen Neurologie, Metabolismus und Wachstum. Die Forschungsprogramme von Serono sind auf eine Ausweitung dieser Geschäftsbereiche und den Aufbau neuer Therapiegebiete ausgerichtet. Zur Zeit befinden sich elf Moleküle in der Entwicklung.
Im Jahr 2000 erzielte Serono weltweit Einkünfte von USD 1,240 Milliarden und einen Reingewinn von USD 301 Millionen. Gemessen an den Einkünften ist Serono damit das drittgrösste Biotechnologieunternehmen der Welt. Das Unternehmen unterhält Tochtergesellschaften in 45 Ländern und vertreibt seine Produkte in mehr als 100 Ländern. Inhaberaktien der Serono S.A., der Holdinggesellschaft der Gruppe, sind an der Schweizer Börse (TK: SEO) und in Form von American Depositary Shares an der New Yorker Börse (NYSE: SRA) kotiert.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Serono International S.A., Genf, Schweiz:
Media Relations: Tel.: +41-22-739-36 00, Fax: +41-22-739-30 85, www.serono.com



VIERJAHRESERGEBNISSE DER PRISMS-STUDIE

Zusammenfassung der Ergebnisse

Aufgrund der Vierjahresergebnisse ist davon auszugehen, dass der Behandlungsnutzen von IFN-b1a während des vierjährigen Prüfzeitraums aufrechterhalten werden konntehochdosiertes IFN-b1a, 3x44 mcg wöchentlich der Dosierung von 3x22 mcg wöchentlich hinsichtlich der erfassten Prüfgrössen für Behinderungsgrad, Schübe und Darstellung im Magnetresonanzverfahren überlegen war die entsprechende frühzeitige Behandlung mit einem weitaus grösseren Therapienutzen verbunden war, als die später einsetzende Behandlung

Placebo-Patienten, die später wieder mit IFN-b1a behandelt wurden, eine über 50% geringere Schubrate aufwiesen IFN-b1a in beiden Dosierungen gut vertragen wurde


Ziele der Studie

Nachweis der langfristigen Wirksamkeit und Sicherheit von Interferon (IFN)-beta 1a (IFN-b1a; Rebif®, Serono) dreimal wöchentlich zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose subkutan injiziert Vergleich der Wirkung von hochdosiertem IFN-b1a (3x44 mcg wöchentlich) mit niedriger dosiertem IFN-b1a (3x22 mcg wöchentlich) sowie Vergleich der Wirkung von frühzeitiger versus später einsetzender Therapie.

Studienkonzept

560 Patienten (389 Frauen und 171 Männer) mit schubförmiger MS und einem EDSS-Wert (Expanded Disability Status Score, ein Wert, der den Grad der Behinderung angibt) zwischen 0 und 5 wurden zu Beginn der Studie nach dem Zufallsprinzip in Gruppen eingeteilt. 189 Patienten erhielten IFN-b1a 3x22 mcg wöchentlich, 184 Patienten IFN-b1a 3x44 mcg wöchentlich und 187 Patienten Placebo jeweils subkutan injiziert. Nach zwei Jahren wurden die Placebo-Patienten erneut nach dem Zufallsprinzip einer der beiden Gruppen zugeteilt, die mit der Aktivsubstanz behandelt wurden, ohne dass die behandelnden Ärzte darüber informiert wurden, mit welcher Dosierung die Patienten behandelt wurden. Patienten, die bereits mit der Aktivsubstanz behandelt worden waren, wurden mit der gleichen Dosis weiterbehandelt, ohne dass den Prüfärzten bekannt war, welcher Gruppe sie angehörten.

Nach zwei Jahren hatte sich die Zahl der teilnehmenden Patienten auf 506 Personen (90%) reduziert. Diese beteiligten sich an der zweijährigen Verlängerungsphase. 445 von 560 Patienten (79%) absolvierten den gesamten vierjährigen Prüfungszeitraum. Therapie- und Prüfplan wurden von Patienten und Ärzten gleichermassen gewissenhaft eingehalten. In den ersten drei Jahren wurden alle Patienten im Abstand von drei Monaten und im vierten Jahr halbjährlich klinisch und neurologisch untersucht. In den ersten beiden Jahren wurden MRI-Untersuchungen im Abstand von mindestens sechs Monaten und später einmal pro Jahr durchgeführt. Anhaltende Wirksamkeit nach vier Jahren

Obwohl der Analyseansatz eher zuungunsten der Behandlungsgruppe ausgelegt war, ergab die Analyse nach Behandlungsabsicht (ITT=Intention To Treat) für beide Dosierungen von IFN-b1a gegenüber Placebo signifikante Behandlungserfolge hinsichtlich der Anzahl von Schüben, des Zeitpunkts von Erst- und Zweitschüben und des Anteils von Patienten, die während des gesamten vierjährigen Prüfzeitraums schubfrei geblieben waren. Im Vergleich zur Placebo-Gruppe konnte bei den Patienten, die IFN-b1a 3x22 mcg wöchentlich und 3x44 mcg wöchentlich erhielten, die Zeit bis zum erstmaligen Auftreten einer Krankheitsprogression um 12 bis 18 Monate hinausgezögert werden. Zudem traten insgesamt weniger Schübe auf.

Der Schweregrad der Erkrankung wurde als die Gesamtzahl der Läsionen (abnorme Ablagerungen = Plaques) im Gehirn definiert. Diese wurden als prozentuale Abweichungen vom Ausgangswert ausgedrückt. Fallstudien von unbehandelten Patienten mit schubförmiger MS belegen, dass diese bei MRI-Untersuchungen eine Zunahme der Läsionsrate von 5 bis 10% jährlich aufweisen. Vom ersten bis vierten Jahr stieg die Läsionsrate bei Patienten, die in den ersten zwei Jahren Placebo und in den letzten beiden JahrenIFN-b1a 3x22 mcg wöchentlich oder 3x44 mcg wöchentlich erhalten hatten, im Mittel um 9,7% beziehungsweise um 7,2%. Bei Patienten, die IFN-b1a 3x22 mcg wöchentlich während des gesamten Studienzeitraums erhalten hatten, stieg die Läsionsrate um durchschnittlich 3,4%, wogegen sich die Läsionsrate bei den Patienten die mit einer Dosis von 3x44 mcg behandelt wurden, um 6,2% verringerte. Während des gesamten Vierjahreszeitraums wurde ausserdem eine anhaltende Abnahme der mittels MRI festgestellten Krankheitsaktivität verzeichnet.

Dosierungseffekt

Folgende Parameter zeigten in der Vierjahresstudie Dosisabhängigkeit, wobei IFN-b1a 3x44 mcg wöchentlich IFN-b1a 3x22 mcg wöchentlich jeweils signifikant (p< 0,05) überlegen war:
Gesamtzahl der Veränderungen um einen Punkt auf der Messskala, die den Krankheitsfortschritt erfasst Zeit bis zum Auftreten eines Zweitschubs
Schubrate im dritten und vierten Jahr
Einsatz von Steroiden zur Behandlung der MS
T2-Aktivität aufgrund von MRI-Untersuchungen

Gesamtzahl der T2-Läsionen
Sicherheit
Die Behandlung mit IFN-b1a im Rahmen dieser Studie beläuft sich auf insgesamt 1624 Patientenjahre; der gesamte Beobachtungszeitraum umfasst 2015 Patientenjahre. In beiden Dosierungen wurde IFN-b1a auch in der Langzeitanwendung gut vertragen, und es traten meist nur leichte Nebenwirkungen auf. Nur 7,5% der Patienten, die über die gesamten vier Jahre aktiv behandelt wurden, mussten die Behandlung wegen Nebenwirkungen abbrechen. Die beobachteten Nebenwirkungen entsprchen im allgemeinen denen, die bei einer Behandlung mit Interferon beta zu erwarten sind. Am häufigsten wurden erwartungsgemäss lokale Reaktionen an der Injektionsstelle und grippeähnliche Symptome aufgrund der Aktivtherapie verzeichnet. Die deutliche Mehrheit der Nebenwirkungen war nicht dosisabhängig mit Ausnahme der lokalen Reaktionen an der Injektionsstelle, nicht-symptomatischer Reduktion von weissen Blutkörperchen und Blutplättchen sowie einem nicht-symptomatischen Anstieg der Leberenzyme, die häufiger in der Versuchsgruppe mit hoher Dosis festgestellt wurden. Eine anhaltende Zunahme von neutralisierenden Antikörpern ist mit einer eingeschränkten Wirksamkeit verbunden.
Serono International S.A.
15bis, chemin des Mines
Case postale 54
CH - 1211 Genève 20
www.serono.com

1 Dr. Steven R. Schwid und Dr. Christopher T. Bever, Jr. "The cost of delaying treatment in multiple sclerosis. What is lost is not regained"
(Der Preis für zu späte Behandlung von Multipler Sklerose. Verpasste Chance ist nicht wieder gutzumachen) Neurology 2001; 26. Juni; 56:1620
2 Die PRISMS-Studiengruppe und die MS/MRI-Analysegruppe der University of British Columbia. PRISMS-4: Long-term efficacy of interferon-b-1a in relapsing MS: Neurology 2001; 26. Juni; 56:1628-1636
3Prevention of Relapses and Disability by Interferon-beta-1a Subcutaneously in Multiple Sclerosis
4 PRISMS-Studiengruppe Randomised, Double Blind, Placebo-Controlled Study of Interferon Beta-1a in Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis: Lancet vom 8. November 1998; 352; 1498-1504
5 Das CPMP (Committee for Proprietary Medicinal Products) ist der im Rahmen des zentralisierten europäischen Zulassungsverfahrens für die wissenschaftliche Beratung der Europäischen Zulassungsstelle für Arzneimittel (EMEA) zuständige Ausschuss
( 02.07.2001; Serono AG )


29.06.2001 Die klinischen Studien mit Betaferon®

Kundeninformation: Die klinischen Studien mit Betaferon® (Interferon beta-1b) umfassen inzwischen mehr als 4500 Patienten-Behandlungsjahre.
Wie wichtig solch eine breite Datenbasis ist, wurde auf einem Symposium am 21. Juni 2001 anlässlich des World Congress of Neurology (WCN) in London deutlich. Die unübertroffene Wirksamkeit der hochdosierten Betaferon®-Therapie hat zur weltweiten Zulassung dieses Medikaments in der Indikation Schubförmige MS" geführt, außerdem zur Zulassung fürsekundär-progrediente MS in Europa, Kanada und Australien sowie für alle Formen der MS in Japan.

Erster Vergleich verschiedener Dosierungen bei japanischen Patienten bestätigt den Nutzen der hochdosierten Therapie mit Betaferon®

Betaferon® wurde vor kurzem in Japan als "orphan drug" zur Behandlung des gesamten Spektrums der Multiplen Sklerose zugelassen. Die Zulassung basiert auf der ersten Dosis-Vergleichsstudie mit einem Interferon in der japanischen Population, und auf der europäischen Studie bei sekundär-progredienter MS. Die Ergebnisse der japanischen Studie, vorgetragen von Professor Takahiko Saida vom Utano National Hospital in Kyoto, bestätigen die Resultate der zulassungsrelevanten Studie mit Betaferon® bei schubförmiger MS. Die hohe Dosis Betaferon®, 8 Millionen internationale Einheiten (MIU) jeden zweiten Tag, zeigte sich auch in der japanischen Studie statistisch signifikant besser wirksam als die niedrige Dosis von 1,6 MIU jeden zweiten Tag (5,6 MIU pro Woche). Im Vergleich zu der niedrigdosierten Gruppe verminderte sich die Schubrate noch einmal um 29%, und die Dauer der Schübe war signifikant kürzer mit 7,1 Tagen pro Jahr verglichen mit 16,4 Tagen pro Jahr in der Gruppe mit 1,6 MIU. Auch bei der Untersuchung der MS-Läsionen im Zentralnervensystem (Reduktion um 16,8% in der hochdosierten, aber nur 1,7% in der niedrigdosierten Gruppe) bestätigte sich die Überlegenheit der hohen Dosierung.


Therapeutischer Nutzen (BENEFIT) von Betaferon® bei sehr früher MS


Noch im Laufe dieses Jahres wird die sogenannte BENEFIT-Studie (BEtaferon In Newly Emerging MS For Initial Treatment) beginnen, eine Studie mit Betaferon® bei Patienten, die eine erste auf MS hindeutende Episode hinter sich haben, bei denen jedoch noch keine klinisch gesicherte Diagnose "Multiple Sklerose" gestellt wurde. Diese Patienten sollen Betaferon in der hohen Dosierung von 8 MIU alle zwei Tage erhalten; dies lässt sich durch pharmakologische Studien und die Ergebnisse der ersten direkten randomisierten Vergleichsstudie zwischen Betaferon® und Avonex® (interferon beta-1a) begründen. Diese erste Vergleichsstudie (INdependent COMparison of INterferon, INCOMIN) wurde von der MS-Gesellschaft und dem Gesundheitsministerium in Italien unterstützt und verglich die Wirksamkeit von Betaferon® in der Standard-Dosierung von 8 MIU jeden zweiten Tag (subkutan gespritzt) mit der von Interferon beta-1a (Avonex®), ebenfalls in der empfohlenen Dosierung von 6 MIU pro Woche (intramuskulär).

Nach einem Jahr Behandlung zeigte die vorläufige Auswertung der Daten, dass Betaferon® bei Patienten mit schubförmiger MS die Anzeichen der Krankheit in den ersten sechs bis zwölf Monaten nach Behandlungsbeginn effektiver vermindert als Avonex®. Dies bestätigt die Erwartungen der Fachwelt - auch aufgrund des indirekten Vergleichs, wenn man die Ergebnisse der zulassungsrelevanten Phase-III-Studien betrachtet.

Laut Professor Xavier Montalban vom Hospital Vall d'Hebron in Barcelona wird die kontrollierte BENEFIT-Studie sich nun mit der optimalen Dosierung für die Erstbehandlung der frühen MS mit Interferonen beschäftigen. Außerdem erhoffen sich die Wissenschaftler Erkenntnisse über die langfristige Prognose einer sehr frühen Interferonbehandlung und die Möglichkeit, die neuen diagnostischen Kriterien für MS gründlich zu prüfen.



Bei der sekundär-progredienten MS bietet Betaferon® die besten Chancen bei Patienten mit ausgeprägter entzündlicher Aktivität Professor Henry McFarland von den National Institutes of Health in Bethesda, USA, eröffnete neue Blickwinkel auf zwei große placebokontrollierte Studien mit Betaferon® bei sekundär-progredienter MS (SPMS). Er betrachtete die durchgehend positiven Ergebnisse der europäischen SPMS-Studie und nutzte, ausgehend von der Hypothese, dass in die amerikanische Studie Patienten mit weniger aktivem Krankheitsverlauf einbezogen worden waren, die gewaltige Datenbasis von 1650 Patienten aus den beiden SPMS-Studien für weitere Analysen. Verglichen wurden Untergruppen von Patienten mit verschieden ausgeprägter Krankheitsaktivität hinsichtlich ihres Behandlungserfolgs. Professor McFarlands Team fand heraus, dass Patienten, die in den zwei Jahren vor Beginn der Studie eine stärkere Krankheitsaktivität gezeigt hatten - erkennbar durch MS-Schübe oder deutliche Verschlechterung des Behinderungsgrads auf der Expanded Disability Status Scale (EDSS) – die besten Chancen hatten, von der Behandlung mit Betaferon® zu profitieren. Diese Befunde bestätigen die Hypothese, dass Patienten mit "aktiverer" Erkrankung, mit einer ausgeprägt entzündlichen Komponente, besser auf die Behandlung mit dem Immunmodulator Betaferon® reagieren. Schering hat diese zusätzlichen Analysen der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA zur Begutachtung eingereicht.

Schering ist weltweit führend bei der Weiterentwicklung der MS-Therapie

Basierend auf seiner anerkannten Führungsrolle bei der Entwicklung der Interferon-Therapie hat Schering derzeit drei oral anzuwendende Medikamente für die MS-Behandlung in der klinischen Prüfung. Die drei Substanzen - CCR 1-Antagonist, PDE IV-Inhibitor (Mesopram) und Cytokin-Antagonist - greifen an verschiedenen, aber teilweise überlappenden immunologischen Vorgängen an, die bei der Pathophysiologie der MS eine Rolle spielen.
Der CCR 1-Antagonist befindet sich derzeit in der Phase I der klinischen Entwicklung, der PDE IV-Inhibitor (Mesopram) und der Cytokin-Antagonist sind bereits in der Phase II angekommen.

Die Schering AG ist ein forschendes Pharma-Unternehmen, das seine Aktivitäten auf vier Geschäftsfelder konzentriert: Fertilitätskontrolle und Hormontherapie, Diagnostika und Radiopharmaka, Dermatologie sowie Therapeutika für schwere Krankheiten, wie Multiple Sklerose, Leukämie und solide Tumoren. Schering setzt auf Innovationen und will mit neuartigen Produkten als Global Player in speziellen Märkten weltweit führend sein. Mit eigener F&E-Infrastruktur, verstärkt durch ein weltweites Netzwerk von externen Partnern, wird eine Erfolg versprechende Produkt-Pipeline sichergestellt. Mit neuen Ideen leistet Schering einen anerkannten Beitrag zum medizinischen Fortschritt und will die Lebensqualität der Menschen verbessern.

Eine elektronische Fassung dieser Pressemeldung sowie weitere Informationen über die Schering AG können unter www.schering.de eingesehen werden.

Schering Aktiengesellschaft
Unternehmenskommunikation

Ihre Ansprechpartner:
Dr. Florian Böhle - Pharmakommunikation: Tel.: +49-30-468 114 32; Fax: +49-30-468 167 10; E Mail: florian.boehle@schering.de
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06.06.2001 Je höher die initiale Schubrate, desto schneller ist die Progression der MS

Neurologe plädiert für die frühe Behandlung am besten schon nach dem
ersten Schub

MÜNCHEN (sto). Patienten, bei denen eine schubförmige Multiple Sklerose (MS) klinisch oder etwa durch eine Kernspintomographie des Kopfes nachgewiesen worden ist, sollten möglichst früh, am besten schon nach dem ersten Schub, behandelt werden.


Denn aus neuen epidemiologischen Untersuchungen sei bekannt, daß die Schubrate in den ersten Krankheitsjahren prognostische Bedeutung für den weiteren Verlauf einer MS hat, betonte der Neurologe Dr. Dieter Pöhlau aus der Kamillus Klinik in Asbach bei den Grünwalder Gesprächen in Wörnbrunn. Je höher die initiale Schubrate, desto schneller sei die Progression der Behinderung.

Seit kurzem wisse man zudem, daß die Entzündungsreaktion bei der MS nicht nur Demyelinisierungen, sondern auch irreversible Axon-Schäden bewirkt. Deshalb nehme die Hirn-atrophie, die eng mit der Behinderung korreliert, schon von Anfang an zu. Ein Abwarten sei deshalb falsch. "Wir dürfen die Patienten nicht mehr vertrösten", sagte Pöhlau auf der von den Unternehmen Aventis und Teva Pharma unterstützen Veranstaltung.

Trotz einer Konsensus-Empfehlung von Neurologen und der Deutschen MS-Gesellschaft für eine frühe Behandlung erhielten nur etwa 25 Prozent der Patienten eine Immuntherapie, kritisierte Pöhlau. Es gebe keine Zweifel, daß eine Immuntherapie die Schubrate mindere und die Progression verlangsame. Zwar sei eine individuelle Vorhersage über die Wirkung nicht möglich. Wer aber einen Patienten nicht behandele, nehme ihm jede Chance auf einen Therapieerfolg, wie Studien belegten.

So wurde die Wirkung von Glatirameracetat (Copaxone®) im Vergleich zu Placebo in einer Studie mit 251 Patienten mit schubförmigem Verlauf untersucht. Unter Verum habe sich der Behinderungsgrad bei 34 Patienten um mindestens einen Punkt auf der Expanded Disability Status Scale (EDSS) gebessert, aber auch bei 15 Patienten unter Placebo, berichtete Pöhlau. Um zwei und mehr EDSS-Punkte besserten sich zwölf Patienten der Glatirameracetat- und ein Patient der Placebogruppe. Nach drei Jahren waren bei den mit Verum behandelten Patienten deutlich weniger Schübe aufgetreten. Es waren auch mehr Patienten ganz ohne erneuten Schub geblieben.

Quelle:
06.06.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


01.06.2001 Interferon-Therapie auch in der Schwangerschaft?

Befragung liefert erste Hinweise, daß eine immunmodulierende Therapie bei MS-Kranken dem Fötus nicht schadet

PARIS (jst). Hinweise darauf, daß eine immunmodulierende Therapie bei Multipler Sclerose (MS) während der Schwangerschaft nicht gefährlich ist, hat jetzt eine Befragung von 49 Frauen ergeben: Auch die Kinder der elf Frauen, die die Therapie während der Schwangerschaft fortgesetzt hatten, waren bei der Geburt normal entwickelt.


Dies hat Dr. Omar Khan auf dem Treffen der Europäischen Neurologengesellschaft in Paris berichtet. Die befragten Frauen waren zu Beginn der Schwangerschaft im Schnitt 29 Jahre alt, etwa 21 Monate krank und hatten als immunmodulierende Medikamente ?-Interferon-1a (Avonex®, Rebif®) oder Glatirameracetat (Copaxone®) bekommen.

Von den elf Frauen, die die Therapie während der Schwangerschaft fortgeführt hatten, bekam keine in dieser Zeit einen MS-Schub. Bei zwei Frauen trat in der Zeit zwischen Geburt des Kindes und der Befragung ein MS-Schub auf. Bei den 38 Frauen, die ihre immunmodulierenden Präparate während der Schwangerschaft abgesetzt haben, geschah dies im Mittel nach zweieinhalb Schwangerschaftsmonaten. Von den Frauen erlitten 14 während der restlichen Schwangerschaft einen MS-Schub, neun nach der Geburt.

Sowohl die Frauen, die ihre immunmoduliernde Therapie während der Schwangerschaft fortführten, als auch diejenigen, die sie abbrachen, gebaren gesunde Kinder ohne erkennbare Entwicklungsschäden. Auch ein Jahr nach der Geburt hatte keine der befragten Frauen über Auswirkungen von kongenitalen Schäden bei ihren Kindern berichtet.

"Obwohl diese Ergebnisse Frauen zuversichtlich stimmen können, die über eine immunmodulierende Therapie in der Schwangerschaft besorgt sind, sollte eine solche Therapie nicht routinemäßig angewandt werden, solange wir nicht mehr Daten zur Sicherheit in der Schwangerschaft haben", sagte Kahn.

Kahn will nun im Internet ein internationales MS-Schwangerschafts-Register einrichten. Dieses soll Daten von MS-Zentren zu Schwangerschaft aus der ganzen Welt bündeln.

Quelle:
01.06.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


01.06.2001 Wie Immunzellen ins Gehirn einwandern

Um ins Gehirn einwandern zu können, müssen Immunzellen zwei unterschiedliche Barrieren überschreiten, berichteten Wissenschaftler des Nikolaus Fiebiger Center for Molecular Medicine in Erlangen. Die in der Fachzeitschrift The Journal of Cell Biology veröffentlichten Ergebnisse geben einen Hinweis darauf, wie Entzündungen im Gehirn entstehen, die etwa bei Multipler Sklerose auftreten.

Bei beiden Hindernissen, auf die wandernde Immunzellen auf ihrer Reise ins Gehirn treffen, handelt es sich um so genannte Basalmembranen. Die erste Hürde besteht aus glatten Muskelzellen, die beispielsweise Blutgefäße auskleiden. Die zweite wird aus Gehirnzellen gebildet. Wie Lydia Sorokin und ihre Kollegen herausfanden, enthält die Muskelzellenmembran zwei unterschiedliche Proteine: Lamin 8 und Lamin 10.

Doch eines dieser beiden Eiweiße hält die Immunzellen in der Membran fest und lässt sie nicht passieren. Denn die Zellen des Immunsystems überwinden nur Membranen, denen Lamin 10 fehlt. Ist es anwesend, bleiben die Zellen kleben. Im Gegensatz zu seinem klebrigen Partner bindet Lamin 8 zwar auch, aber nur so stark, dass die Zellen etwas haben, wogegen sie drücken können. Die Bindung ist nicht stark genug, um sie zurückzuhalten.

Die zweite Hürde überwinden sie auf eine ganz andere Art. Statt an Lamin zu binden, schießen die Immunzellen sich den Weg frei. Mit speziellen Enzymen, den so genannten Metalloproteinasen, durchlöchern sie die Basalmembran. Das Endresultat ist eine Entzündungsreaktion im Gehirn. Die Forscher hoffen nun, den Entzündungsprozess verlangsamen zu können und dadurch unter anderem den Abbau der schützenden Hüllen um die Nervenzellen zu verhindern, der bei Multipler Sklerose auftritt.

Quelle:
01.06.01 – Bild der Wissenschaft


30.05.2001 Neuer Marker für Multiple Sklerose entdeckt

ST. PAUL (ple). Im Blutplasma von Patienten mit Multipler Sklerose (MS) haben US-Forscher Mikropartikel entdeckt, die sich als neuer Marker für die Aktivität der neurodegenerativen Erkrankung eignen könnte. Wie die Neurologen von der Universität von Miami in St. Paul in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Neurology" berichten, stammen die Partikel vom Endothel der Blutgefäße im Gehirn. Die Menge der Partikel im Blut ist offenbar ein Maß für die endotheliale Dysfunktion. Während der Progression der Erkrankung werden verstärkt diese Partikel sowie das Adhäsionsmolekül CD31 ins Blut abgegeben, während einer Remission dagegen nicht, wie die Wissenschaftler berichten. Die Beobachtungen bestätigten, daß die Exazerbation der Multiplen Sklerose Folge einer akuten Entzündung ist, durch die das Endothel der Blut-Hirn-Schranke aktiviert wird und Leukozyten leichter ins ZNS dringen können.

Quelle:
26.01.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


25.05.2001 MRT belegt Glatirameracetat-Effekt bei MS

Mit dem Präparat 29 Prozent weniger kontrastmittelaktive Läsionen als
unter Placebo

MÜNCHEN (sto). Die individuell sehr verschiedene Symptomatik und der unterschiedliche Verlauf der Erkrankung bei Multipler Sklerose (MS) erschwert auch die Beurteilung von Therapieeffekten. Darauf hat der Bochumer Neurologe Privatdozent Dr. Michael Haupts hingewiesen.


Vor allem die Magnetresonanztomographie (MRT) sei ein wichtiges Verfahren, mit dem Hinweise auf die mögliche Wirkung einer Behandlung erhalten werden, sagte Haupts bei den Grünwalder Gesprächen in Wörnbrunn, die von dem Unternehmen Aventis unterstützt wurden.

Damit sei es nun in einer europäisch-kanadischen Multicenterstudie mit 239 Patienten mit schubförmiger MS gelungen, für den Wirkstoff Glatirameracetat (Copaxone®) einen weiteren Beleg für seine Wirksamkeit zu erbringen.

Dabei nahmen bei den Patienten, die über neun Monate mit täglich 20 Milligramm des Wirkstoffs behandelt worden waren, die kontrastmittelaktiven Läsionen signifikant um 29 Prozent ab im Vergleich zu Patienten unter Placebo. Außerdem nahm das zerebrale T2-Läsionsvolumen um 45 Prozent weniger zu, wenn die Patienten Glatirameracetat erhielten, berichtete Haupts.

Zugleich sei auch die Schubrate bei den Patienten unter dem Wirkstoff deutlich zurückgegangen.

Bemerkenswert sei allerdings, daß die positiven Effekte der Behandlung mit Glatirameracetat erst mit einer Verzögerung von vier bis sechs Monaten nach Therapiebeginn voll hervorgetreten seien, sagte Haupts. Diese Latenz bei der immunologischen Wirkung stimme mit den Ergebnissen aus Laboruntersuchungen überein.

Nach Angaben von Haupts werde Glatirameracetat gut vertragen und könne
daher auch bei Kontraindikationen gegen andere MS-Therapeutika angewendet werden.

Quelle:
25.05.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit



22.05.2001 Wissenschaftler der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung
                     analysieren T-Zellen


BRAUNSCHWEIG (eb). Wissenschaftler der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) haben mit Hilfe der DNA-Chip-Technik Gene in T-Lymphozyten entdeckt, die an der Entstehung von Autoimmunkrankheiten oder Allergien beteiligt sind. Damit ist die
Grundlage für die Entwicklung von Medikamenten etwa gegen Diabetes mellitus, Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis und Asthma geschaffen. Die Identifizierung der Gene gelang der Arbeitsgruppe um Dr. Jan Buer.


In dem neuen DNA-Chip-Labor der GBF stehen den Forschern Chips zur Verfügung, mit denen sich bis zu 12 000 Gene gleichzeitig analysieren lassen. Die Wissenschaftler bestimmen damit die Aktivität von Genen in Extrakten von T-Lymphozyten. Durch den Vergleich des Erbmaterials von normalen T-Zellen mit dem von Autoimmun-T-Zellen lassen sich die Gene identifizieren, die pathogenetisch bedeutsam sind. Das Chip-Labor der GBF, das jetzt modernisiert worden ist, ist die Gesellschaft wesentlich am nationalen Genomforschungsnetz beteiligt.

Quelle:
22.05.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


14.05.2001 Kombitherapie bei aggressiver MS erfolgreich geprüft

PHILADELPHIA (run). Die Kombination von Interferon-beta-1b mit
Mitoxantron kann bei Patienten agressiver multipler Sklerose (MS) den Krankheitsverlauf bremsen.


US-Forscher haben beim Jahrestreffen der American Academy of Neurology
in Philadelphia dieses Ergebnis einer kleinen Pilotstudie mit zehn MS-Patienten vorgestellt. Die Studienteilnehmer mit einer schubförmig remittierenden oder sekundär progressiven Erkrankung hatten dabei trotz Behandlung mit dem Interferon weiterhin MS-Attacken.
Kernspintomographisch wurde zudem ein Fortschreiten der Läsionen im Gehirn nachgewiesen. Die Behandlung wurde daraufhin mit dem Zytostatikum Mitoxantron für sechs Monate kombiniert. Wie die US-Neurologen berichteten, wurde dadurch die Zahl der Rückfälle und Gehirnläsionen um insgesamt 50 Prozent reduziert. Die Kombinationstherapie sei zudem gut vertragen worden.

In den USA ist Mitoxantron seit vergangenem Herbst auch zur Therapie von fortgeschrittener oder chronischer MS zugelassen.

Quelle:
14.05.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit



10.05.2001 Weitere Belege für die Rolle von viralen Infektionen in der MS Pathogenese

Ein Teil durchgemachter viraler Infektionen im Kindesalter scheinen das Risiko, an multipler Sklerose (MS) zu erkranken, zu erhöhen. Eine grosse Fallkontrollstudie an über 200 000 Individuen, erschienen im "Epidemiology", untersuchte nicht nur die Art der viralen Infektionen, sondern auch das Alter, als die Infekte auftraten.

Über ein erhöhtes Risiko wird bei Individuen nach Maserninfektion und zum Teil auch nach anderen in der Adoleszenz aufgetretenen Infektionen wie der Mononukleose, oder in letzter Zeit auch des HHV-6A (einer
Variante des Humanen Herpesvirus 6), berichtet.
Die Daten von über 238"000 Patienten aus zwei grossen Studien wurden analysiert. Durch Fragebogen wurden die aufgetretenen Infektionen und
das Alter der Kinder / Adoleszenten zur Zeit der Infektion ermittelt.
Jeder Fall einer aufgetretenen MS wurde mit bis zu sechs Kontrollfällen gematcht.
Resultate: 301 Fälle von MS wurden ermittelt. Das Auftreten einer Infektion mit dem Epstein-Barr Virus EBV (Mononukleose) war assoziiert mit einem erhöhten MS Risiko (odds ratio 2,1). Sonst fanden die Wissenschaftler wenig Assoziationen zwischen viralen Infekten und MS Risiko. Traten allerdings eine Mumpsinfektion oder eine Maserninfektion nach dem 15 Lebensjahr auf, erhöhte sich das MS Risiko deutlich (odds ratio 2,3 beim Mumps und 2,8 bei den Masern).

Konklusion:
Diese Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass Individuen nach einer Infektion mit dem EBV ein erhöhtes Risiko für das Erkranken
an einer MS aufweisen. Auch die späte Infektion mit anderen Viren scheint mit einem erhöhten MS Risiko assoziiert zu sein.

Kommentar
Vieles spricht dafür, dass MS eine heterogene Erkrankung mit einer äusserst komplexen Pathogenese ist. Neben genetischen prädisponierenden Faktoren und immunologischen Komponenten im Sinne von Autoimmunreaktionen unterstreichen epidemiologische Studien auch die Bedeutung eines kindlichen Umweltfaktors, obwohl die Krankheit in der Regel erst im Erwachsenenalter ausgelöst wird.
Nebst den in der Studie identifizieten Erregern scheint laut einer Publikation im Bulletin des Instituts für Klinische Mikrobiologie und Immunologie dem HHV-6A eine entscheidende Rolle zuzukommen. So konnte das Genom von HHV-6A in mehreren Studien häufiger im ZNS und Liquor von MS Patienten gefunden werden als in Zusammenhang mit anderen ZNS-Affektionen. Der immunhistochemische Nachweis von HHV-6-Antigenen im ZNS-Gewebe, als Zeichen einer aktiven Infektion, gelang nur bei MS-Patienten (in 8 von 11 MS-Fällen neben 2 HHV-6 Leukenzephalitiden) und zwar vermehrt in aktiven Herden des ZNS. In ZNS-Gewebe von 7 Gesunden, 7 Patienten mit anderen Enzephalitiden oder von 12 Patienten mit anderen demyelinisierenden Affektionen fiel der Nachweis von HHV-6-Antigenen dagegen negativ aus.
Ob diese Faktoren jedoch prädisponierend, auslösend oder vielleicht auch nur aggravierend wirken, ist noch nicht geklärt.

Quelle:
10.05.2001: Epidemiology 2001;12:301-306 / IKMI


30.03.2001 Wer die Krankheit akzeptiert, kommt am besten zurecht

Von Heidi Niemann

Rund 120 000 Menschen in Deutschland leiden an Multipler Sklerose (MS). Wie gut Betroffene die Krankheit bewältigen, hängt nicht in erster Linie von der Schwere der Symptome ab. Dies hat eine Langzeitstudie an der Abteilung für Medizinische Soziologie der Universität Göttingen ergeben. Entscheidend für die Bewältigung der körperlichen, seelischen und sozialen Folgen ist vielmehr, ob MS-Kranke und ihre Angehörigen es
schaffen, die Krankheit zu akzeptieren und in ihren Lebensstil zu integrieren. Hierbei können die Hausärzte wichtige Hilfe leisten.

Der Medizinsoziologe Dr. Gerd Ziegeler hat in regelmäßigen Abständen MS-Kranke befragt, die zu Beginn der Studie erstmals die Diagnose Multiple Sklerose gestellt bekommen hatten. Insgesamt 60 Personen gaben über einen Zeitraum von fünf Jahren Auskunft über den Krankheitsverlauf sowie ihre Reaktionen und ihren Umgang mit der Krankheit im Privat- und Berufsleben.

Frauen häufiger und sehr viel früher von Krankheit betroffen

Ein Drittel von ihnen stand nach weiteren fünf Jahren erneut für eineBefragung zur Verfügung. Die meisten waren bei der Erstdiagnose zwischen 25 und 34 Jahren alt. Frauen waren nicht nur sehr viel häufiger, sondern auch deutlich früher von der Krankheit betroffen: Bei ihnen lag das Durchschnittsalter bei 29, bei Männern dagegen bei 38 Jahren. Dreiviertel der Betroffenen waren bei der Erstdiagnose berufstätig.

Nach fünf Jahren hatte sich diese Zahl allerdings bereits um rund 40 Prozent verringert, insgesamt 20 Personen waren in diesem Zeitraum krankheitsbedingt in Frührente gegangen. Bei ihnen waren die Krankheitssymptome wie Gangstörungen, Zittern oder Sehstörungen so massiv geworden, daß sie sich den Anforderungen an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr gewachsen fühlten. Manche waren inzwischen auf den Rollstuhl angewiesen.

Die Studie macht deutlich, daß die Einstellung zur Berufstätigkeit großen Einfluß darauf hat, ob und wie MS-Kranke sich mit ihrer Krankheit arrangieren: Wer sich mit Leib und Seele dem Beruf verschrieben habe, könne sich mit dem realen oder befürchteten Verlust an Leistungsfähigkeit und Status nicht abfinden. Vor allem Männer hätten damit größere Schwierigkeiten. Für viele Befragte war die Berufstätigkeit auch Motivation, sich nicht "hängen zu lassen."

Am Arbeitsplatz wird die Diagnose lange verschwiegen

Sowohl Männer als auch Frauen verfolgen nach Angaben des Wissenschaftlers oft eine Doppelstrategie: Am Arbeitsplatz versuchen sie, ihre volle Leistungsfähigkeit zu beweisen und verschweigen die Diagnose so lange wie möglich. Schonung wird nur im privaten Bereich zugelassen, nicht zuletzt, um sich Ressourcen für den Beruf zu erhalten. Insgesamt seien Frauen eher bereit als Männer, auch im Betrieb zu ihrer chronischen Erkrankung zu stehen.

Eine starre Abwehrhaltung, bei der die Multiple Sklerose als zu bekämpfender äußerer Feind erscheint, ist der Studie zufolge bei der Bewältigung der Krankheit eher hinderlich. Der MS-Kranke schaffe es dann nicht, eine neue Identität zu entwickeln, sagt Ziegeler. Damit sei er der Krankheit wehrlos ausgeliefert und werde zum "Spielball der Symptome". Jede Verschlechterung des Gesundheitszustandes sei eine demütigende Niederlage. Diese selbstzerstörerische Haltung beeinträchtige auch das Verhältnis zu den Mitmenschen.

Der individuelle Umgang mit MS wirkt sich auch auf die Arzt-Patient-Beziehung aus. Angesichts der begrenzten ärztlichen Möglichkeiten sind Mediziner weniger als Heiler denn als Berater gefragt, die über Symptome aufklären und Ratschläge für den Umgang mit bleibenden Beschwerden oder die Umstellung von Lebensgewohnheiten geben. Die Erwartungen der Patienten sind zunächst vorrangig auf Heilung und Besserung gerichtet. Wie sich die Beziehung zum Arzt entwickelt, hängt davon ab, welche Grundhaltung der Patient einnimmt. Wer schon vor Krankheitsausbruch eine realistische Sicht von den begrenzten ärztlichen Möglichkeiten entwickelt hatte, dem fiel es leichter, diese Grenzen zu akzeptieren und den Arzt als Bündnispartner im Kampf um die Kontrolle der Symptome und der Folgen der MS zu betrachten. Diese Patienten, die meist großen Wert auf Selbstverantwortung und -bestimmung beim Umgang mit der Krankheit legten, hätten häufig eine kritische Einstellung gegenüber der Steroid-Therapie entwickelt.

Patienten, die vorbehaltlos die Autorität der Ärzte anerkannten, verhielten sich dagegen passiv-abwartend. Am ehesten waren sie bereit, Medikamente einzunehmen. Maßnahmen, die den Tagesverlauf veränderten oder auch sportliche Aktivitäten wurden dagegen kaum erprobt, berichtet der Medizinsoziologe. Diese Patienten, die zuvor glaubten, daß die Medizin für jede Krankheit die richtige Antwort bereithalte, hätten "enorme Schwierigkeiten, das zerstörte Bild von der Medizin hernach
wieder zusammenzusetzen."

Distanz zum Arzt wurde im Verlauf der Krankheit größerBei diesen Patienten sei im Verlauf der Krankheit die Distanz zum Arzt immer größer geworden. Die grundsätzliche Erwartungshaltung gegenüber der Medizin werde nur selten korrigiert..

Quelle:
30.03.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


14.03.2001 Impfen und das Risiko eines Schubes bei Multipler Sklerose

Die Diskussion um ein erhöhtes Risiko, nach einer Impfung als Multiple-Sklerose-Patient einen Schub zu erleiden, dauert bereits Jahre an. Im NEJM wurde nun eine grosse französische Studie zur weiteren Klärung dieses Sachverhalts veröffentlicht.

Diese case-crossover Studie analysierte die Daten von Multiple-Sklerose-Patienten, die zwischen 1993 und 1997 einen Schub erlitten haben; die Diagnose MS-Schub wurde von einem Neurologen gestellt.
Es wurden nur Schübe berücksichtigt, bei welchen eine mindestens einjährige stabile Phase vorherging.
Die Information über erfolgte Impfungen wurde durch telefonische Interviews und medizinische Daten gewonnen. Es wurden alle Impfungen eingeschlossen, ob mono- oder multivalente, einmalige Impfungen oder Wiederholungen, Primärimpfungen oder Booster.
Verglichen wurden nun die zweimonatigen Perioden unmittelbar vor dem Auftritt des Schubes mit den vorhergehenden vier zweimonatigen schubfreien Perioden innerhalb der Patienten in Bezug auf die Inzidenz der Schübe. Die zweimonatige Dauer wurde darum gewählt, weil eine Anzahl von Studien belegt, dass ein allfälliger Schub innerhalb dieser Zeit nach Impfung auftreten soll.

Es wurden 643 Schübe einer Multiplen Sklerose ermittelt. 15% dieser Patienten erhielten in den letzten 12 Monaten eine Impfung.
Von allen Patienten wurden 2,3% in der unmittelbar vor dem Schub liegenden Periode geimpft, im Vergleich dazu waren es zwischen 2,8 und 4% in den übrigen Perioden.
Es zeigte sich also insbesondere bei den häufigen Impfungen wie gegen Tetanus, Hepatitis B oder Influenza keine Assoziation zum Auftreten eines Schubes. Das Risiko ist bei der Impfung gegen Tetanus, Poliomyelitis oder Diphterie sogar tendenziell erniedrigt, dies allerdings nicht signifikant.
Die Resultate waren dieselben, als die ganze Analyse noch für eine ein- und dreimonatige Risikodauer nach Impfen gemacht wurde.

Konklusion: Impfen jeglicher Art erhöht das Risiko für einen MS-Schub innerhalb der nächsten zwei bis drei Monate nicht.

Quelle:
14.03.2001 -- medpoint.ch -- The Portalsite of the Swiss Health community!



12.03.2001 Bei Jugendlichen wird MS oft erst spät erkannt

Der Verlauf ist vielfach günstiger als bei Erwachsenen / Weniger als zehn Prozent haben eine primär chronische Form

GÖTTINGEN (mig). Multiple Sklerose (MS) kommt bei Jugendlichen nicht nur in Einzelfällen vor. Für Kinder und Jugendliche, die an MS erkranken, ist allerdings die Prognose oft günstiger als bei Erwachsenen mit dieser Krankheit.


Seit 1997 sind in Deutschland mehr als 150 Kinder und Jugendliche mit einer neu diagnostizierten MS erfaßt worden, berichten Dr. Daniela Pohl und Professor Folker Hanefeld von der Universitätsklinik in Göttingen (Akt Neurol 28, 2001,8). Die tatsächliche Inzidenz dürfte jedoch höher sein, vermuten die Göttinger Wissenschaftler.

Die Forscher gehen davon aus, daß bei vielen Jugendlichen mit MS die Erkrankung gar nicht oder mit beträchtlicher Verspätung diagnostiziert wird. Bei etwa 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit MS begänne die Krankheit monosymptomatisch, oft mit zerebellären, visuellen oder Sensibilitätsstörungen. Als Differentialdiagnose komme etwa die bei Kindern nicht seltene Neuroborreliose in Frage mit einer multifokalen neurologischen Symptomatik, mit oligoklonalem IgG im Liquor und MS-ähnlichen Herden in der Kernspintomographie. Auch eine HIV-Enzephalomyelitis, die dem AIDS-Stadium vorausgehen kann, könne in Schüben verlaufen.

Nach vorläufigen Daten einer prospektiven Studie der Neurologen scheint die MS bei vielen Jugendlichen günstiger als bei Erwachsenen zu verlaufen. Denn weniger als zehn Prozent der Patienten hätten eine primär-chronische Form, so Pohl und Hanefeld. Sekundär-chronische Verläufe seien nach fünf Krankheitsjahren bisher nur bei etwa fünf Prozent der Patienten registriert worden. Über die Langzeitprognose von Kindern und Jugendlichen mit MS ließen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussagen machen - auch deshalb nicht, da bei retrospektiven Analysen von Erwachsenen mit MS gutartige Verläufe oder Spontanheilungen nicht erfaßt würden, räumen die Wissenschaftler ein.

Bei der medikamentösen Therapie von Kindern und Jugendlichen mit MS seien wegen des niedrigen Lebensalters der Patienten mögliche unerwünschte Langzeitwirkungen der verwendeten Medikation besonders bedeutsam, betonen die Göttinger Forscher. Der Nutzen einer immunsuppressiven oder immunmodulatorischen Therapie, etwa mit Azathioprin oder Interferon, sei daher kritisch gegen die Risiken abzuwägen. Zum Behandlungskonzept gehören auch eine frühe, konsequente Krankengymnastik sowie eine umfangreiche, individuelle Aufklärung von Eltern und Kind.

Juvenile Form der MS

Drei bis fünf Prozent aller Patienten mit Multipler Sklerose (MS) erkranken zwischen dem zehnten und sechzehnten Lebensjahr. Bei einer Prävalenz der MS von etwa einem Krankheitsfall auf tausend Menschen ist damit auch auch die juvenile Form keine Seltenheit. Ein Erkrankungsbeginn vor dem zehnten Lebensjahr, die sogenannte "true childhood MS", kommt nach Daten von Forschern der Universität Göttingen dagegen nur bei etwa 0,2 bis 0,5 Prozent der Patienten vor. (mig)

Quelle:
12.03.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


05.03.2001 Multiple Ursachen für Multiple Sklerose

Die Auffassung, dass Multiple Sklerose von mehreren Faktoren ausgelöst wird, bestätigen die Ergebnissen einer neuen Studie, nach der die Krankheit in mindestens vier verschiedene Kategorien aufgeteilt werden kann: Bei zwei von ihnen handelt es sich vermutlich um Autoimmunerkrankungen, und in den anderen Fällen sind offenbar Viren oder Toxine der auslösende Faktor.

Um die genauen auslösenden Faktoren der Multiplen Sklerose zu ermitteln, untersuchten Hans Lassmann von der Universität Wien und seine Kollegen Claudia Lucchinetti und Wolfgang Bruck Gewebeproben von MS-Patienten, die gerade einen akuten Schub erlitten hatten.
"Man geht allgemein davon aus, dass man mehr Informationen aus der Analyse von frischen Läsionen gewinnen kann als aus dem vernarbten Gewebe, das man bei Autopsien vorfindet", erklärt Samuel K. Ludwin von der Queens University in Kingston, Ontario. Die Wissenschaftler um Lassmann untersuchten die Proben von 51 Patienten, an denen eine Biopsie durchgeführt wurde, um andere Krankheiten als MS auszuschliessen, und von 32 Personen, die in Folge eines plötzlichen Aufflammens der Krankheit gestorben waren.
Die Ergebnisse ihrer Arbeit, die in der Juni-Ausgabe von Annals of Neurology veröffentlicht werden, weisen darauf hin, dass es verschiedene auslösende Faktoren für die Krankheit geben kann. "In diesem Gewebeproben konnten wir vier deutlich unterschiedliche Entmyelinisierungs-Muster entdecken, was vermuten lässt, dass erhebliche Unterschiede in der Pathogenese der Läsionen zwischen den einzelnen Patientengruppen existieren," sagt Lassmann. Dabei deuten zwei Muster auf eine Autoimmunkrankheit hin, während in den anderen beiden anscheinend Viren oder Gifte eine Rolle spielen.
Eine wichtige Konsequenz der vermuteten Unterteilung ist, dass Medikamente und Behandlungsmethoden, die einem Patienten helfen, einem anderen schaden könnten. "Neben den entzündungshemmenden und immunmodulierenden Therapien müsste die Behandlung auf den jeweiligen zurechtgeschnitten werden," meint der Wissenschaftler. Ein Ziel seiner Arbeitsgruppe ist daher, die klinischen und radiologischen Merkmale der einzelnen Gruppierungen zu bestimmen, so dass Mediziner Patienten zuordnen können, ohne Biopsien durchführen zu müssen.

Quelle:
05.03.2001 -- medpoint.ch -- The Portalsite of the Swiss Health community!



26.02.2001 Altes Mittel wird neu entdeckt

Weihrauch gehört schon seit Jahrtausenden zur Kulturgeschichte des Menschen. Zum Beispiel zur Weihnachtslegende, in der es heißt, die Weisen aus dem Morgenland bringen ihn mit. Oder zur katholischen Messe, wo er das aufsteigende Gebet symbolisiert. So beginnt Dr. Ernst Schrott sein Buch über den Weihrauch. Er erläutert auch, warum das eingetrocknete Balsamharz der Boswelliabäume so kostbar ist: weil diese tropischen Pflanzen wegen ihrer extremen Standortansprüche nur an wenigen Gegenden der Erde gedeihen.

Schrotts Hauptanliegen ist es, das duftende Sekret als Arzneimittel vorzustellen. Ausgebildet nicht nur in Homöopathie und westlichen Naturheilverfahren, sondern auch in der indischen Naturheilkunde, der Ayurveda, bringt er den Lesern mit großer Überzeugungskraft die segensreichen Wirkungen des Weihrauchs nahe. Denn obwohl das Harz seit altersher auch zur Behandlung verwendet wurde - gegen Sommersprossen, Pockennarben, Tollwut, Schnupfen oder Lepra -, hat die moderne Medizin seine Heilkraft erst vor kurzem entdeckt.

So wurde ein bestimmter Extrakt, H 15 genannt, aus dem Harz des indischen Weihrauchbaums an der Münchner Uniklinik bei Rheumapatienten getestet - mit ermutigenden Ergebnissen.

Auch gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen hat sich der Extrakt als wirksam erwiesen, zudem gegen Glioblastome, wo er die entzündliche Schwellung um die Geschwulst abbauen und die Tumore sogar zur Rückbildung anregen kann. Tübinger Forscher entdeckten: das pharmakologische Wirkmodell: H15 hemmt ein Schlüsselenzym im Entzündungsprozeß.

Damit ergeben sich Therapiechancen auch bei anderen Krankheiten, denen das gleiche biochemische Störprinzip zugrundeliegt. Beispiele: Asthma, Allergien oder Multiple Sklerose.

"H15 ist kein Wundermittel, aber es kann in Einzelfällen wunderbare Wirkungen haben", resümiert Schrott. Daran knüpft er das Plädoyer, H 15 auch in Deutschland zuzulassen. Der Möglichkeit, Weihrauch zu Hause als Öl, Salbe oder Dampf bei Alltagsbeschwerden zu nutzen, steht freilich nichts entgegen. Tips dazu gibt der Autor im letzten Kapitel. (ars)

Dr. med Ernst Schrott: Weihrauch, Mosaik-Verlag München, 2000, ISBN 3-576-11203-0, Preis: 19,90 DM

Quelle:
26.02.2001 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit



02.02.2001 Kein MS Risiko durch Hepatitis B Impfung

Indikationsimpfungen erhöhen nicht die Gefahr für einen erneuten Multiple-Sklerose-Schub

BOSTON (run). Ein Risiko, durch die Hepatitis-B Impfung an Multipler Sklerose (MS) zu erkranken, besteht wohl nicht. Das haben US-Forscher in einer großen Fall-Kontroll-Studie bestätigt.


Aufgrund von Fallberichten über eine mögliche MS-Gefahr durch die Impfung hatte das französische Gesundheitsministerium im Herbst 1998 sogar einen Teilstop des Hepatitis-B (HB)-Impfprogramms veranlaßt. In Deutschland sah man damals keinen Anlaß, die Impfempfehlungen zu ändern.

In der akutellen US-Studie wurden nun über 200 000 Krankenschwestern der Nurses Health Study nach MS-Erkrankung und Impfungen gefragt. Die Datenanalyse von 192 MS- und 645 Patientinnen der Kontrollgruppe ergab keinen statistisch relevanten Zusammenhang zwischen HB-Impfung und MS-Erstmanifestation (NEJM 344, 2001 327). Weder die Zahl der Impfungen noch der Zeitpunkt hat nach der Studie einen Einfluß auf das MS-Risiko. Bereits vor gut einem Jahr hat die Analyse der Krankenakten von 134 000 US-Amerikanern an der Charité in Berlin ebenfalls keinen solchen Zusammenhang ergeben (die "Ärzte Zeitung" berichtete). In einer weiteren Publikation im selben "NEJM" wurde zudem kein Hinweis darauf gefunden, daß eine Schutzimpfung gegen Tetanus, Influenza oder HBV das Risiko für einen neuen MS-Schub erhöht (S. 319).

"Diese Daten sind vor allem von Bedeutung, um die in der Praxis noch vorherrschende Impfzurückhaltung bei MS-Kranken zu mindern", beurteilt Privatdozent Dr. Peter Rieckmann, MS-Experte der Universität Würzburg die Studien. Gerade Indikationsimpfungen wie Tetanus oder Influenza seien sogar wichtig. Generell empfehlen Neurologen aber weiterhin, MS-Kranke möglichst nicht während einer akuten Exazerbation oder immunsuppressiven Therapie zu impfen.

Quelle:
02.02.2001 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit



26.01.2001 Gabapentin mildert Spastiken bei MS-Kranken

NEU-ISENBURG (run). Für MS-Patienten, die unter ausgeprägten Spastiken leiden, kann eine Reduktion des Leidens mit herkömmlichen Mitteln wie Baclofen oder Diazepam oft nur auf Kosten einer Sedierung oder reduzierten Muskelkraft erreicht werden.
Gabapentin könnte hier eine Alternative bieten, wie jetzt in einer Studie festgestellt worden ist.


In der Cross-over-Untersuchung erhielten 22 MS-Patienten mit deutlicher Behinderung (EDSS 6 bis 9) und Spastiken über sechs Tage randomisiert das Antiepileptikum Gabapentin oder Placebo. Die Dosis des Verums wurde in der Studie alle zwei Tage um 900 mg auf eine Enddosis von 2700 mg erhöht (Arch Phys Med Rehabil 81, 2000, 164). Zur Erinnerung: EDSS (Expanded Disability Score) ist die am meisten etablierte Skala, mit der vor allem die motorische Behinderung von MS-Patienten in Stufen von 0 bis 9 unterteilt wird.

Bei der Auswertung der Studie kam heraus, daß sich durch die Behandlung die Spastiken und die funktionellen Bewegungen signifikant stärker als unter Placebo besserten. Auf den EDSS-Behinderungsgrad hatte die Therapie allerdings keinen Effekt. Dies könnte an der relativ kurzen Behandlungszeit liegen, heißt es in einem Kommentar zur Studie (Neurologie und Psychiatrie 2, 2000, 436

Quelle:
26.01.01 -- Ärzte Zeitung Online - die einzige Tageszeitung zur Gesundheit


17.01.2001 Medizinische Indikation für Cannabis

Als alte Kulturpflanze wurde Hanf schon vor Jahrtausenden auch als Heilmittel genutzt. Nach einer kurzen Renaissance im 19. Jahrhundert sind Cannabis und Cannabinoide als Therapeutikum erst seit den achtziger Jahren wieder ein - umstrittenes - Thema.

«Cannabis und Cannabinoide sind bei wissenschaftlich nachgewiesener Wirkung sowohl als Medikamente als auch für Forschungszwecke im Rahmen kontrollierter Studien zuzulassen.» Dies die Empfehlung der eidgenössischen Kommission für Drogenfragen im sogenannten Cannabisbericht von 1999. Offensichtlich, so schliesst man aus diesem Satz, ist der therapeutische Einsatz von Cannabis heute ein Thema - ein Thema allerdings, das durchwegs politisch gefärbt ist und äusserst emotional diskutiert wird.

Tatsächlich berichten weltweit zahlreiche Tumorpatienten, Aids-Kranke und Multiple-Sklerose-Patienten, die sich in Eigenregie mit Cannabis therapieren, von der günstigen Wirkung des Krauts bei Übelkeit, fehlendem Appetit und schmerzhaften Muskelkrämpfen. Diese Erfahrungen sind jedoch kaum durch klinische Studien belegt, weshalb die Cannabisforschung in den letzten Jahren intensiviert worden ist. So hofft man, beantworten zu können, ob überhaupt und wenn ja in welchen Bereichen der Medizin der traditionelle Gebrauch von Cannabis heute noch seinen Platz hat.

Bei uns wird Cannabis sativa, wie die Pflanze mit botanischem Namen heisst, seit dem 16. Jahrhundert in Kräuterbüchern erwähnt; in den USA waren Cannabisprodukte zwischen 1850 und 1900 gar die am meisten verkauften Schmerzmittel. Nach diesem kurzen Höhenflug wurden Medikamente auf der Basis von Hanf durch neue, wirksamere Substanzen wie Aspirin verdrängt.

Wegen der Auswirkungen auf die Psyche und des Suchtpotenzials ist Cannabis in der Schweiz seit Anfang der fünfziger, in den USA bereits seit den dreissiger Jahren verboten.

Nachdem eine israelische Gruppe 1964 Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) isoliert hatte -den wichtigsten der psychoaktiv wirksamen Inhaltsstoffe der Cannabispflanze -, wurden Schlag auf Schlag weitere Substanzen beschrieben. Unterdessen sind Pharmakologie und klinische Effekte von mehr als 60 verschiedenen sogenannten Cannabinoiden aufgeklärt.

Schliesslich stiess man in den neunziger Jahren, ähnlich wie beim Morphin und bei den körpereigenen Endorphinen, auf ein «endogenes Cannabinoid-System». Zwei Rezeptoren - CB1 und CB2 - sowie verschiedene endogene Cannabinoide sind seither im menschlichen Körper identifiziert worden. Über Funktion und Wirkung dieses Systems kann bisher allerdings nur spekuliert werden. Der CB1-Rezeptor ist hauptsächlich in denjenigen Regionen angesiedelt, die mit der Koordination von Bewegungen, dem Gedächtnis, mit Emotionen sowie der Blutdruckregulation in Verbindung gebracht werden. Dagegen scheint der erstmals aus Milzzellen isolierte CB2-Rezeptor vorab immunologische Funktionen zu steuern, denn er kann auf verschiedenen Zellen des Immunsystems nachgewiesen werden.

Studien vor allem mit THC Isoliertes THC in Kapselform ist in den USA seit 1986 unter dem Markennamen Marinol® zur Behandlung von Übelkeit bei Chemotherapien sowie bei Appetit- und Gewichtsverlust bei Aids und Tumorleiden zugelassen. Bei uns kann die Substanz in Einzelfällen mit einer Spezialbewilligung bezogen werden. Allerdings ziehen es vielePatienten vor, das getrocknete Kraut und die Blütenstände zu rauchen - die Wirkung setzt rascherund sanfter ein und kann von erfahrenen Patienten genau gesteuert werden.

Tatsächlich hat sich gezeigt, dass es schwierig ist, das isolierte, fettlösliche THC im therapeutischen Bereich zu dosieren: Zwar kann genau definiert werden, wie viel von welcher Substanz der Patient schluck, THC wird jedoch individuell unterschiedlich resorbiert, zudem ist derjenige Bereich des Blutspiegels, bei dem die therapeutische Wirkung eintritt, sehr schmal.

Da es gesundheitspolitisch kaum vertretbar ist, eine therapeutische Substanz zu verschreiben, die geraucht werden muss, ist in den meisten der bis heute vorliegenden Studien THC nicht mit der Wirkung von gerauchtem Cannabis verglichen worden. Ausserdem ist eine doppelblinde Versuchsanordung vor allem bei cannabisgewohnten Personen beim Rauchen fast unmöglich.

In Deutschland und der Schweiz sind, koordiniert vom in Berlin ansässigen «Europäischen Institut für onkologische und immunologische Forschung», 20 Zentren in eine grosse Cannabisstudie eingeschlossen. Bis in anderthalb Jahren will man, unter anderem an der onkologischen Klinik des Kantonsspitals St. Gallen, an insgesamt 400 Patienten die Wirkung von Cannabis auf den Appetit und den oft ausgeprägten Gewichtsverlust bei Tumorpatienten überprüfen. Marinol® wird dabei mit einem standardisierten Gesamtpflanzenextrakt und Placebo verglichen.
Derselbe Hanfextrakt wird an der Berner Klinik in Montana an Multiple-Sklerose-Patienten getestet, deren schmerzhafte Muskelkrämpfe auf die üblichen Medikamente nur ungenügend ansprechen. Diese Studie mit insgesamt 50 Personen wird vom Bundesamt für Gesundheit unterstützt, erste Resultate liegen voraussichtlich MitteJahr vor.
Ebenfalls zur Therapie von Muskelspasmen - hier jedoch bei Querschnittgelähmten - kommt Marinol® in der Rehabilitationsklinik Basel zum Einsatz. Auf Grund von Tierversuchen wird vermutet, dass der günstige Effekt von Cannabis bei Multipler Sklerose - einer Autoimmunerkrankung - zumindest teilweise durch eine immunmodulierende Wirkung gewisser Komponenten zustande kommt.

Traditionellerweise wird Cannabis eine schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben. So soll das Kraut Migräne und Menstruationsbeschwerden lindern. Tatsächlich scheint THC die Wahrnehmung von Schmerzen zu verändern. Allerdings, so lassen Versuche an Mensch und Tiervermuten, ist Hanf den heute üblichen Schmerzmitteln unterlegen. Auch zur Bekämpfung vonÜbelkeit und Erbrechen, wie dies bei Chemotherapien auftritt, ist der Einsatz von Marinol® heute möglicherweise nicht mehr gerechtfertigt. Die Substanz ist bisher nämlich nicht mit den modernen, potenten und vor allem nebenwirkungsarmen Medikamenten verglichen worden.

Zieht man die therapeutische Anwendung von Cannabisprodukten ernsthaft in Erwägung, gilt es, das Suchtpotenzial abzuschätzen. Zwar ist die Meinung weit verbreitet, Cannabis mache körperlich kaum abhängig. Verschiedene Untersuchungen haben aber gezeigt, dass es nach langdauerndem, hoch dosiertem Cannabiskonsum sehr wohl zu typischen Entzugssymptomen kommen kann: die Betroffenen schwitzen, sie sind unruhig und schlechter Laune, leiden unter Schlaflosigkeit, Speichelfluss und tränenden Augen.
Jüngst warnte gar ein amerikanisches Team auf Grund seiner Beobachtungen an Affen, die sich THC selber verabreichen konnten, Cannabis habe ein ebenso hohes Suchtpotenzial wie Kokain oder Heroin.

Gegner des Einsatzes von Cannabis zu medizinischen Zwecken weisen auch regelmässig auf die Giftigkeit von Hanfprodukten hin. Verglichen mit den oft verschriebenen Opiaten ist die akute Toxizität von Cannabis jedoch gering. Sind die Abkömmlinge des Morphins äusserst gefährlich (die tödliche Dosis liegt nahe an der therapeutisch wirksamen), ist dagegen bis heute kein Todesfall auf Grund einer Cannabisvergiftung bekannt.

Als häufigste akute Nebenwirkungen klagen Patienten, die mit Marinol® behandelt werden, über Schläfrigkeit und Mundtrockenheit. Bei höherer Dosierung kann es zu Angstzuständen, Verwirrung und gar Halluzinationen kommen. Beim langfristigen Einsatz von gerauchtem Cannabis ist die Schädigung der Atemwege ein ernsthaftes Problem. Dagegen ist die Bedeutung der das Immunsystem beeinflussenden Effekte gewisser Hanfinhaltsstoffe unklar.

In nächster Zeit gilt es noch zahlreiche Fragen zu klären: Ist gerauchtes Cannabis wirksamer und besser verträglich als THC? Tragen die zusätzlichen Cannabinoide der ganzen Pflanze tatsächlich zur günstigen Wirkung bei? In welcher Darreichungsform - Kapsel, Inhalator oder Pflaster - lässt sich das Mittel am besten applizieren? Und schliesslich: Gibt es Beschwerden, für die kein wirksameres und einfacher zu verabreichendes Medikament als Cannabis zur Verfügung steht? Entsprechend diesem Fragenkatalog steht denn auch am Schluss von nahezu jeder Veröffentlichung zum Thema: Further research is needed!

Quelle:
17.01.2001; Neue Zürcher Zeitung